Vor Ostern ist Hochsaison für geistliche Musik. Luzern bot im Rahmen seines Oster-Festivals Verdis Requiem - und das erst noch mit Stardirigent Teodor Currentzis, dem Orchester musicAeterna und dem Chor der Staatsoper Perm. | © Alexandra Muraviova

Die Kirchenmusik als Opfer der Entkirchlichung

Andreas C. Müller, 15.4.19
  • Warum «Stabat Mater» und Requiem eigentlich vor Ostern nichts verloren haben und das kaum noch jemanden stört.
  • Wer sich umhört, merkt rasch: Auch viele Kirchenmusiker wissen nicht mehr, welche Musik wohin gehört. Und erst recht nicht die Liturgen.
  • Stören tut sich kaum jemand daran: Dafür ist die Entkirchlichung auch unter den Liebhabern der geistlichen Musik bereits zu stark fortgeschritten.

 

Stehende Ovationen im bis auf den letzten Platz gefüllten Konzertsaal des Kultur- und Kongresszentrums Luzern (KKL): Teodor Currentzis, Dirigent und Shootingstar der internationalen Klassikszene, hat mit seinem Orchester- und Chorensemble musicAeterna am diesjährigen Luzerner Oster-Festival (organisiert von «Lucerne Festival») Verdis Requiem aufgeführt. Leidenschaftlich und ergreifend entfachten die Streicher einen Feuersturm, schmetternd kündeten Trompeten und Posaunen vom Gericht Gottes und angsterfüllt flehte der Chor im vier Mal wiederkehrenden Herzstück des Werks, dem «Dies Irae».

Ein Requiem vor Ostern? Warum denn nicht?

«Da geht es um Tod und Auferstehung. Das passt zu Ostern», meinen zwei ältere Damen aus Bern, beide Musikliebhaberinnen. Vor zwei Jahren schon seien sie um diese Zeit nach Luzern gekommen – Teodor Currentzis habe damals Pergolesis «Stabat Mater» dirigiert. Wegen Teodor Currentzis ist eine Frau sogar aus Deutschland angereist. Zusammen mit ihrer Cousine aus dem Zürcherischen Wädenswil besucht sie das Konzert. Auch für sie ist klar: «Die Texte aus der Liturgie im Requiem bilden einen passenden Bezugspunkt zu Karfreitag».

Soweit, so schön. Nur: Das Luzerner Oster-Festival hat im Grunde herzlich wenig mit Ostern zu tun – es endet bereits am Palmsonntag. Und ein «Stabat Mater» hat in der Fastenzeit oder an Ostern in etwa so viel verloren wie ein Weihnachtsoratorium in der Adventszeit. Doch daran stört sich kaum noch jemand. Von Seiten des «Lucerne Festival» heisst es beispielsweise: «Das Oster-Festival vereint spirituelle und weltliche Musik. Die Gründung des Oster-Festivals im Jahre 1988 knüpfte zwar an die mittelalterliche Tradition der Oster- und Passionsspiele in Luzern an, war aber von Anfang an nicht ausschliesslich auf Passionen fokussiert.»

Volle Kirchen wegen der Musik

Auch die Konzertbesucherinnen und Besucher sehen das nicht so eng. Man sei weder katholisch, noch reformiert, habe aber Freude an geistlicher Musik, meint eine Dreiergruppe, die sich zusammen die Aufführung von Verdis Requiem angeschaut hat. Man mache sich keine Gedanken darüber, was wann gespielt werden darf.

Dass klassische Werke nicht mehr wie früher an den für sie erdachten Terminen gespielt werden, sei ein gesellschaftliches Problem, das man auch zur Advents- und Weihnachtszeit beobachten könne, erklärt der Kirchenmusiker und Musikdozent Daniel Schmid. «Wir leben in einer Zeit, in der Menschen, die den Kontakt zur Kirche verloren haben, sich von geistlicher Musik angezogen fühlen – besonders an Festtagen wie Passion, Ostern oder Weihnachten». Man könne das daran sehen, dass die Kirchen an Festtagen deutlich voller sind, wenn in den Gottesdiensten attraktive geistliche Musik gespielt werde.

«Man kann doch nicht beliebig Stücke aussuchen»

«Viele Menschen, die ich kenne, sagen mir, sie seien überhaupt nur noch Kirchenmitglied, weil sie Kirchenmusik weiterhin ermöglichen wollen», berichtet Daniel Schmid. Und so ist die vorösterliche Zeit neben der Advents- und Weihnachtszeit quasi die Hochsaison für Kirchenmusik: Gespielt werden vor allem Passionen und Totenmessen. So auch dieses Jahr – wie beispielsweise in Baden (Mozart-Requiem), Brugg (Matthäus-Passion), Wohlen und Aarau (Johannes-Passion).

Die Konzerte sind in der Regel gut besucht, doch die Stückauswahl behagt nicht allen. «Leider kommt es vor, dass da sehr grosszügig verfahren wird», meint Bernhard Hangartner. Der im Aargau wohnhafte Kirchenmusiker und Musikdozent ist auch Choralmagister an der Jesuitenkirche Luzern. «Man kann doch nicht einfach Stücke aussuchen, nur weil es grad schöne und beliebte Stücke sind oder ein bekanntes Ensemble damit gerade auf Tournee geht».

Bildungslücken bei Kirchenmusikern…

Kein Problem hat damit Tobias Wunderli, Leiter des «Ensemble de tempore», welches in Sarmenstorf zur Fastenzeit Pergolesis «Stabat Mater» zur Aufführung bringt. «Wir haben in diesem Stück erstens ja keinen liturgischen Wortlaut, sondern einen Text aus dem Mittelalter, und zweitens gehört die Thematik der an der Kreuzigung ihres Sohnes leidenden Maria doch in die Passionszeit», sagt er. «Teils richtig, teils falsch», meint demgegenüber Bernhard Hangartner. Das «Stabat Mater» ist als Sequenz nicht nur ein liturgischer Text, es sei nach heutigem Ritus vielmehr auch untrennbar verknüpft mit dem Hochfest der sieben Schmerzen Marias am 15. September. «Wollte man aber nur dem Rechnung tragen, würde es das Publikum wohl gar nicht verstehen. Es käme bestimmt die Frage, warum wir das Stück denn im September bringen», fügt Bernhard Hangartner an – um zu erklären, dass aufgrund des mangelnden liturgischen und hymnologischen Verständnisses eines Grossteils der Bevölkerung die einst übliche Verortung kirchenmusikalischer Werke gar nicht mehr funktioniert.

Der Besuch in Sarmenstorf zeigt überdies, dass Kirchenmusiker, aber auch Liturgen in Bezug auf die Zughörigkeit geistlicher Werke längst nicht mehr sattelfest sind. An den Proben zum Passionskonzert in Sarmenstorf findet sich nämlich auch Pfarradministrator Marco Vonarburg. Auf die Frage, wie er denn dazu stehe, dass in der Fastenzeit ein «Stabat Mater» aufgeführt werde, meint er nur: «Zu dieser Frage muss ich mich erst informieren.»

…und Seelsorgenden

Gerade junge Pfarrleute wüssten kaum noch Bescheid in Sachen Liturgie und Hymnologie, meint Dieter Wagner, Leiter der ökumenischen Kirchenmusikschule im Aargau. «Die Studierenden werden erst kurz vor dem Vikariat mit diesem Thema konfrontiert. Das Theologiestudium setzt andere Schwerpunkte». Diesen Eindruck teilt auch der Zürcher Musikwissenschaftler und Dirigent Martin Neukomm: «Immer mehr Leute haben keine Ahnung mehr vom Kirchenjahr», weiss der Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Ein Requiem, ein «Stabat Mater» oder auch eine Passion hätten ihren festen Platz im Festkalender.

Die Passionen beispielsweise sind eigentlich für die Karwoche komponiert, so Martin Neukomm. Und ein Requiem werde an Beerdigungen, an Gedenkgottesdiensten und am Totensonntag im November gespielt. «Gewiss, die meisten mehrstimmigen und orchesterbegleiteten Totenmessen waren Auftragsarbeiten für sehr wohlhabende und prominente Persönlichkeiten», weiss auch Bernhard Hangartner. Doch für die einfachen Leute habe es redimensionierte Kompositionen für die Dorfchöre gegeben. Diese wurden dann an den Beerdigungsgottesdiensten zur Liturgie gesungen – auf dem Land halte man das teils immer noch so.

Ist das Zweite Vatikanum schuld?

«Das Zweite Vatikanische Konzil, mit dem die lateinische Messe in der Realität ins zweite Glied zurückgedrängt wurde, beförderte die Verlagerung der Requiem-Vertonungen auf die Konzertbühne». Gleichwohl sei es aber zu einfach, dem Zweiten Vatikanum die Schuld dafür zu geben, dass die Leute heutzutage keine Ahnung mehr davon hätten, wo ein Requiem seinen Platz habe, meint Bernhard Hangartner: «Schon Verdi hatte für seine Totenmesse über den ursprünglichen Verwendungszweck hinaus die konzertant gedachte Aufführung im Blick».

Und auch Daniel Schmid bestätigt: Die Entkontextualisierung von geistlicher Musik ist kein gänzlich neuartiges Phänomen. «Zu Mendelsohns Zeiten, also bereits im 19. Jahrhundert, hatte die Kirche für das Bürgertum an Bedeutung verloren. Die Aufführung geistlicher Werke erfolgte im säkularen Rahmen, beispielsweise zu Kaffee und Kuchen anlässlich sogenannter Sonntagsmusiken im Hause Mendelssohn».

«Heutzutage geht es vor allem ums Geld»

Heutzutage werde vor allem «an den Stutz gedacht», weiss Dieter Wagner, Leiter der ökumenischen Kirchenmusikschule im Aargau. «Das Mozart-Requiem kennt jeder. Was denken Sie, wofür sich das Publikum entscheidet, wenn es die Wahl hat zwischen diesem Werk und einer eher unbekannten Telemann-Passion? Veranstalter müssen heute darauf achten, welche Werke bekannt seien. Das bringt an der Abendkasse mehr Geld ein». Und das wiederum führe dazu, dass auch schon mal eine Matthäus-Passion an einem Sommerfestival gespielt werde. Das sei halt die heutige Zeit», meint Dieter Wagner und ergänzt: «Gerade Kirchenmusiker stünden so auch vermehrt unter Druck.»

Bernhard Hangartner, seines Zeichens selbst Musikdozent, beklagt, dass Kirchenmusiker zu wenig in diesen Belangen geschult würden und zu nachgiebig seien. «Gerade wenn heute die Leute für ihre Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen mit allen möglichen musikalischen Wünschen kämen, sei Führung gefragt – und entsprechende Unterstützung der Liturgen. Damit aber sinnvoll argumentiert und passende Alternativen angeboten werden könnten, müssten die Fachleute in ihren Kenntnissen sattelfest sein.

«Viele wissen gar nicht mehr, was Orgelmusik ist»

Man könne heute nicht mehr einfach so sagen: «Das geht nicht.» Häufig wollten die Leute zunächst einfach mal einen Schlager oder Popsong, weil diesen beispielswiese der Verstorbene immer gerne gehört habe. «Da merkt man dann, dass viele gar nicht mehr wissen, was Orgelmusik ist. So habe ich schon erlebt, wie Menschen sich in der Musikwahl umentschieden haben, nachdem man ihnen das gezeigt und erklärt hat.»

Er jedenfalls orientiere sich nach wie vor an den liturgischen und kirchenjahreszeitlichen Gegebenheiten, so Bernhard Hangartner. In der Gregorianik sei für jeden Tag ein Repertoire definiert. «Das versuche ich auch meinen Studenten bewusst zu machen und ihnen zu zeigen, was aus welchem Grund wohin gehört. Die meisten wissen das nicht mehr, weil sie bereits kirchenfern aufgewachsen sind.» Die Studierenden seien aber diesem für sie meist neuen Wissen gegenüber sehr aufgeschlossen.

«Nur Puristen werden sich daran stören»

Am Luzerner Oster-Festival allerdings hält man es jedenfalls nicht so streng: «Nur religiöse Puristen werden sich daran stören, dass diese Messe in einer weltlichen Halle, und nicht in einer Kirche aufgeführt wird», meint die Dramaturgin Susanne Stähr, welche vor der Aufführung von Verdis Requiem die Werkseinführung macht. Ob eine Totenmesse vor Ostern überhaupt am richtigen Platz ist, darauf wird schon gar nicht mehr eingegangen.

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Bejubelt und gefeiert: Teodor Currentzis im Luzerner Kultur- und Kongresszentrum (KKL) mit musicAeterna, dem Orchester und Chor der Staatsoper Perm. | © Lucerne Festival
Teodor Currentzis
Das Verdi-Requiem passe gut zu Karfreitag - zu Jesu Tod und Auferstehung, meinen diese beiden Konzertbesucherinnen in Luzern. | © Andreas C. Müller
Haben kein Problem mit der Stückauswahl:
Sie seien weder reformiert noch katholisch, hätten aber gleichwohl Freude an geistlicher Musik. Darüber, ob ein Requiem in der Fastenzeit gespielt werden soll, machen sich diese drei Klassikfans jedenfalls keine Gedanken. | © Andreas C. Müller
Konzertbesucher in Luzern
Bernhard Hangartner weiss genau, wann in der Osterzeit welche Musik gespielt werden muss: «Am Karfreitag  wurde jeweils die Johannes-Passion gebracht, und in der katholischen Kirche am Palmsonntag die Matthäus-Passion. Am Dienstag in der Karwoche die Markus-Passion, am Mittwoch die Lukas-Passion. | zvg
Bernhard Hangartner
Der Kirchenmusiker Daniel Schmid
ist Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), leitet die Aargauer Kantorei und ist Kantor am Zürcher Grossmünster. | © Aargauer Kantorei
Daniel Schmid
In Sarmenstorf wurde in der Fastenzeit Pergolesis «Stabat Mater» aufgeführt - ein Stück, das eigentlich im September gespielt werden müsste. | © Andreas C. Müller
Probe für «Stabat Mater» in Sarmenstorf
Tobias Wunderli, Leiter des «Ensemble de tempore», welches in Sarmenstorf zur Fastenzeit Pergolesis «Stabat Mater» zur Aufführung bringt. | © Andreas C. Müller
Tobias Wunderli

«Unsere Leute sind sehr gut ausgebildet»

Dieter Wagner leitet die Kirchenmusikschule im Aargau (KMSA). Die dort ausgebildeten Musiker, so der Schulleiter, wüssten nach ihrer Ausbildung genau, welche Musik zu welchen Anlässen gespielt werden müsse. | © Roger Wehrli

Herr Wagner, auch junge Kirchenmusiker, heisst es verschiedentlich, wüssten nicht mehr, welche Stücke in welche Jahreszeit gehörten. Stimmt das?
Dieter Wagner: Das Problem liegt eher daran, dass viele Chorleiterinnen und Chorleiter keine kirchenmusikalische Ausbildung haben. Sie leiten zwar kirchliche Chöre, haben aber im Studium «Chorleiterin und/oder Dirigent» keinen Unterricht in Liturgik, Hymnologie, Gregorianik oder Theologie gehabt. Ich würde mir wünschen, dass viel mehr junge Leute ein komplettes kirchenmusikalisches Studium belegen würden.

Inwieweit werden denn die Schülerinnen und Schüler an der Aargauer Kirchenmusikschule für diese Problematik sensibilisiert?
Wir nehmen das in der Ausbildung sehr ernst und haben hierfür das Fach Liturgie und Hymnologie. Da nehmen wir das Kirchenjahr genau durch. Somit sind die Leute an unserer Schule sehr gut ausgebildet. Im Theologiestudium wird Liturgik und Hymnologie leider erst am Ende des Studiums sehr kurz durchgenommen. Es fehlt die Zeit, diese Grundlagen zu vertiefen.

Ist es denn nur das Nichtwissen, das Weihnachtslieder an Sommerkonzerte bringt? Das scheint schwer vorstellbar.
Nein, es geht meist ums Geld. Veranstalter schauen, welche Werke bekannt sind, was mehr Eintrittsgelder bringt. Das ist die heutige Realität.

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