Einkaufen im Caritas-Markt bedeutet mehr Lebensqualität für das Budget von Armutsbetroffenen. Im Aargau gibt es seit 2016 keinen Caritas-Markt mehr, doch das soll auf Dauer nicht so bleiben. | © Roger Wehrli

Ein Supermarkt für Armutsbetroffene

Andreas C. Müller, 17.1.19
  • Am kommenden dritten Sonntag im Januar ist traditionsgemäss der Sonntag der Caritas Aargau. Das christliche Hilfswerk macht dieses Jahr die Armut in unserem Land zum Thema. Brandaktuell, zumal auch im Aargau darüber diskutiert wird, die Sozialhilfe zu kürzen.
  • Mit knapp tausend Franken für den Grundbedarf müssen Sozialhilfe-Empfänger über die Runden kommen. Laut einer SKOS-Studie zu wenig. Im Caritas-Markt können Armutsbetroffene wenigstens bei den Einkäufen für den täglichen Bedarf sparen.
  • Im Aargau gibt es seit 2016 keinen Supermarkt für Arme mehr. Die Genossenschaft Caritas-Markt will das ändern.

 

Kurz vor 10 Uhr in Olten: Vor dem Eingang zum Caritasmarkt an der Baslerstrasse stehen bereits zwei Frauen mit ihren Einkaufswagen. Zur vollen Stunde öffnet der Laden und die beiden wollen möglichst vom günstigen Angebot an Früchten und Gemüse profitieren, denn: «Es het, so lang’s het». Die beiden kennen einander, es sind Kurdinnen aus der Türkei – die eine lebt seit 18 Jahren in Olten, die andere kommt regelmässig aus Trimbach, der Nachbargemeinde.

Nur Sozialhilfe-Empfänger dürfen einkaufen

Kaum hat der Shop geöffnet, prüfen die beiden Frauen das Angebot: Heute gibt es Bananensäcke für zwei Franken und Auberginenpackungen für 1 Franken. Weitere Personen betreten derweil den Laden und verteilen sich auf den insgesamt vier Etagen. Zuoberst gibt es Secondhand-Kleidung, auf den anderen drei Etagen Lebensmittel, Hygiene- und Haushaltsartikel. Einkaufen dürfen aber nur Personen mit knappem Budget – der Nachweis erfolgt über die Kultur-Legi. Einzig Kleidung dürfen alle kaufen. Wer aber die Kultur-Legi besitzt, bekommt auf die angeschriebenen Preise 30 Prozent Rabatt.

«120 bis 160 Personen täglich suchen den Caritasmarkt auf», erklärt Filialleiterin Kübra Bodur, die sich zusammen mit zwei weiteren Mitarbeitenden um den Shop kümmert. «Die meisten Kundinnen und Kunden kommen aus Olten und der umliegenden Region, manche auch von weiter her, denn: Caritas-Lebensmittelgeschäfte gibt es insgesamt nur 21 in der ganzen Schweiz».

«Ich bin dankbar, dass es so etwas gibt!»

«Im Grunde müsste es so ein Geschäft viel öfter geben», meint ein Sozialhilfebezüger aus Olten, der von der Stadt einen Einkaufsgutschein als Anteil am Grundbedarf der Sozialhilfe erhalten hat. «Ich bin dankbar, dass es so ein Angebot gibt und dafür, dass die Caritas für Menschen mit knappem Budget etwas tut». Der Mann wundert sich allerdings über die Preisgestaltung: Gewisse Artikel seien sehr günstig, andere, wie beispielsweise gewisse Saucen, teurer als im Denner oder Migros. Die Klagen über die Preise höre sie oft, meint Filialleiterin Kübra Bodur. Doch wie viel ein Artikel kosten darf, wird vom Caritasverteilzentrum in Sempach Station vorgegeben.

«Unsere Strategie sieht vor, dass wir stets etwa 50 Prozent günstiger sind als die anderen, wenn aber ein Discounter eine Halbpreisaktion macht, dann sind wir mitunter auch einmal teurer», erklärt Thomas Künzler von der Genossenschaft Caritas-Markt in Sempach Station. Hinzu komme, dass oft nicht Gleiches mit Gleichem verglichen werde: «Eine Tafel Schokolade von Lindt kostet bei uns 80 Rappen. Bei der Migros kriegt man aber eine Tafel Budget-Schokolade für 60 Rappen. Das ist zwar günstiger, aber eben nicht Lindt.»

Viele Kunden mit Migrationshintergrund

Das Warenangebot ist gross, die Preise tief: Das Kilogramm Orangen beispielsweise kostet CHF 1,50, ein grosses Konfitürenglas CHF 1.-. Für CHF 4.30 gibt es einen Liter Olivenöl. «Früchte und Gemüse werden zum Einkaufspreis angeboten, so Kübra Bodur. «Dies dürfen wir aber nur dank einer Vereinbarung mit den Lieferanten, wonach wir die Waren ausschliesslich an Bedürftige verkaufen. Ansonsten würden wir gar nicht beliefert.» Das restliche Warenangebot habe nur eine sehr kleine Marge. Mit dieser bezahle Caritas die Transportkosten, erklärt Kübra Bodur.

Etwa 40 Prozent der Kundschaft sind nach Angaben der Filialleiterin Schweizer, der Rest hat einen Migrationshintergrund. Wir treffen einen weiteren Mann mit Einkaufskorb und Toilettenpapier in der Hand. Er kaufe hier fast alles, erklärt er. Der Mann, der seinen Namen nicht veröffentlicht haben will, lebt von Sozialhilfe und ist ebenfalls froh, dass es den Caritas-Markt gibt.

Erwünscht: Ein Caritas-Markt in Spreitenbach

Die meisten Kundinnen und Kunden, die wir ansprechen, reagieren scheu. Ein Zeichen dafür, dass es in der Schweiz immer noch schwer fällt, offen über Armut zu sprechen. Zu sehr überwiegt die Scham. Und dass mit den Caritas-Läden viele schmale Budgets nur bedingt entlastet sind, verrät der Umstand, dass auch gestohlen wird. Und viele versuchten einfach, ohne Kultur-Legi einzukaufen. Sie verstehe ja, dass es den Leuten schlecht gehe, meint die Filialleiterin, aber dann solle man doch mit uns reden. Man könne bestimmt eine Lösung finden.

Seit 2016 in Baden der Caritas-Markt geschlossen wurde, müssen Aargauerinnen und Aargauer für Einkäufe in einem Caritas-Markt nach Olten, Sursee, Baar oder Zürich ausweichen. Wenn es nach der Genossenschaft Caritas-Markt geht, sollte sich das ändern: «Im Aargau wollen wir auf jeden Fall wieder einen Markt eröffnen», erklärt Thomas Künzler. «Aufgrund der Bevölkerung und der Ballung an Sozialhilfebezügern wäre wohl Spreitenbach der richtige Ort.»

Auch Fabienne Notter, Geschäftsleiterin von Caritas Aargau, würde es begrüssen, wenn im Aargau wieder einen Lebensmittelladen eröffnet werden könnte: «Allerdings ist die Finanzierung eine Herausforderung – diese müssen ja wir von der regionalen Caritas stellen. Wenn uns da die Genossenschaft hilft, sind wir gerne bereit, ein solches Angebot erneut zu prüfen».

Secondhand-Shop: Markenkleider für wenig Geld

Bereits jetzt gibt es im Aargau zwei Secondhand-Shops, die von Caritas Aargau betrieben werden. Der eine befindet sich in Wohlen, der andere in Aarau direkt beim Bahnhof. Wir treffen dort zwei Frauen beim Anprobieren. Auskunft geben wollen uns die Beiden nur, wenn sie anonym bleiben dürfen. Sie sei IV-Bezügerin, erklärt die Jüngere. Sie lebe von 1’250 Franken im Monat, habe Freude an Kleidern und könne sich gute Stücke halt nur im Caritas-Shop leisten. «Hier zum Beispiel!» Die junge Frau zeigt uns einen Mantel von Calvin Klein für 22 Franken.

Hosen für fünf Franken, einen Mantel für 20 Franken. Das Angebot im Aarauer Caritas-Shop umfasst auch Hemden, Blusen und Schuhe. Nahezu die gesamte Ware sei gespendet, erklärt Verkaufsleiterin Astrid Bonsaver. «Einzig wenn wir saisonal bei bestimmten Artikeln knapp sind, kaufen wir die ein. Aktuell sind es Mützen und Handschuhe».

«Viele junge Leute kaufen Gebrauchtes – Aus Überzeugung!»

«An guten Tagen kaufen um die 60 Personen im Laden ein», erklärt Astrid Bonsaver. Man habe eine beachtliche Anzahl Kunden, die den normalen Preis bezahlen. «Armutsbetroffene im Besitz der KulturLegi erhalten 30 Prozent Rabatt auf die angeschriebenen Preise». Aber auch bei jungen Leuten sei Secondhand angesagt, weiss Astrid Bonsaver. «Meist aus Überzeugung – als Statement gegen die Konsumgesellschaft. Die wollen bewusst nicht alles neu kaufen.»

Andere wie die alleinerziehende Mutter, die wir im Shop treffen, schätzen es, bei Caritas mit gutem Gewissen einkaufen zu können. «Klar könnte ich neuwertige, billige Artikel in bestimmten Geschäften kaufen, aber dann weiss ich nicht, ob da Kinderarbeit drinsteckt».

Aarau: Standortwechsel brachte einen Drittel mehr Umsatz

Der Caritas-Shop in Aarau erwirtschaftet Gewinn. Dieser fliesst in Projekte von Caritas Aargau. Weiter bietet der Shop Arbeitslosen die Chance, im Rahmen von Arbeitsintegrationsprogrammen wieder Tritt im Arbeitsmarkt zu fassen. «Die gesammelte Berufserfahrung hilft bei der Suche nach einer regulären Stelle», weiss Astrid Bonsaver. Bis zu zwei Praktikanten kann sie jeweils im Shop betreuen.

«Dass es so gut läuft, war nicht zu erwarten, freut sich die Filialleiterin. Vor fünf Jahren war der Caritas am alten Standort in der Altstadt gekündigt worden. «Hier am Bahnhof machen wir nun einen Drittel mehr Umsatz», meint Astrid Bonsaver. Sogar Parfüme gibt es zu kaufen. «Das läuft gut, gerade Asylsuchende schätzen es, dass sie zu günstigen Konditionen ein Parfüm erwerben können», erklärt Astrid Bonsaver. «Und nicht selten dient so ein Parfüm auch als erschwingliches Geschenk.»

 

Mit Ihrer Spende unterstützen sie armutsbetroffenen Menschen im Kanton Aargau. Spendenkonto: 50-1484-7, IBAN CH23 0900 0000 5000 1484 7

www.caritas-aargau.ch

 

 

 

 

 

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Das Warenangebot ist gross, die Preise tief. Früchte und Gemüse werden zum Einkaufspreis angeboten, vereinzelt werden Waren sogar günstiger abgegeben. | © Roger Wehrli
Grosses Angebot mit tiefen Preisen
Leitet den Caritas-Markt in Olten: Kübra Bodur. | © Roger Wehrli
Kübra Bodur
Er kaufe hier fast alles, erklärt dieser Kunde. Der Mann, der seinen Namen nicht veröffentlicht haben will, lebt von Sozialhilfe und ist froh, dass es den Caritas-Markt gibt. | © Roger Wehrli
Kunden schätzen das Angebot
Im Caritas-Markt einkaufen dürfen  nur Personen mit knappem Budget – der Nachweis erfolgt über die Kultur-Legi. Einzig Kleidung dürfen alle erwerben. Wer aber die Kultur-Legi besitzt, bekommt auf die angeschriebenen Preise 30 Prozent Rabatt. | © Roger Wehrli
Einkauf nur für Armutsbetroffene
Laut Thomas Künzler, Geschäftsleiter Genossenschaft Caritas-Markt, ist es stets das Ziel, frisches Gemüse oder frische Früchte in bester Qualität zum tiefsten Preis anzubieten. | © Roger Wehrli
Frische zum tiefsten Preis
Hosen für fünf Franken, einen Mantel für 20 Franken: Das Angebot im Aarauer Caritas-Secondhandshop umfasst auch Hemden, Blusen und Schuhe. Nahezu die gesamte Ware ist gespendet. | © Roger Wehrli
Sortiment im Caritas-Seconhandshop
Leitet den Caritas-Secondhandshop in Aarau beim Bahnhof: Astrid Bonsaver. | © Roger Wehrli
Astrid Bonsaver
Gerade Asylsuchende schätzten es, dass sie zu günstigen Konditionen ein Parfüm erwerben können», weiss Astrid Bonsaver, die Filialleiterin des Caritas Secondhandshop in Aarau. «Und nicht selten dient so ein Parfüm auch als erschwingliches Geschenk.» | © Roger Wehrli
Beliebt: Günstige Parfüms

Wird die Sozialhilfe gekürzt?

Für viele Menschen in der Schweiz (insbesondere mit Migrationshintergrund) reicht es trotz Sozialhilfe nicht für ein anständiges Leben. | © Roger Wehrli

Laut Schweizer Radio SRF planen verschiedene Kantone wie Bern, Basel-Landschaft und auch der Aargau eine Kürzung der Sozialhilfe – konkret beim Grundbedarf, und zwar bis zu 30 Prozent. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS erachtet dies für unverantwortlich. Laut einer Studie würden auch die aktuell üblichen 986 Franken monatlich nicht ausreichen. Weil jedoch zunehmend mehr Flüchtlinge nicht in den Arbeitsmarkt integriert werden können und in die Sozialhilfe abrutschen, gerät die Sozialhilfe unter Druck.

Laut SKOS beziehen 278 000 Menschen in der Schweiz Sozialhilfe. Ein Drittel davon sind gemäss SKOS Kinder und Jugendliche. Alles in allem beträgt der finanzielle Aufwand laut SKOS landesweit 2,6 Milliarden Franken. Die Kosten fallen bei den Gemeinden und Kantonen an, was lokal und regional immer wieder zu hitzigen Debatten führt.

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