Wurde als Kind vom Pfarrer, der im Kinderheim St. Benedikt Hermetschwil als Religionslehrer ein und ausging, immer wieder sexuell missbraucht: Andreas Santoni. | © Roger Wehrli

«Viele haben es gewusst und niemand hat etwas gesagt»

Andreas C. Müller, 2.7.18
  • Mitte Juni entschuldigten sich die Verantwortlichen des Kinderheims St. Benedikt im Rahmen einer Medienkonferenz bei einem Mann, der während seines Aufenthalts im Kinderheim St. Benedikt Hermetschwil zwischen 1978 und 1981 mehrfach sexuell missbraucht worden.
  • Der damals zuständige Heimleiter Peter Bringold kritisierte im Anschluss diesen Schritt.
  • Horizonte traf die aktuelle Heimleiterin Pia Iff, den für die Institution in dieser Sache tätigen Krisenmanager Herbert Wyss und Andreas Santoni, der an besagter Medienkonferenz über das berichtete, was ihm widerfahren war, zu einem Gespräch.

 

Herr Santoni, nachdem Sie ihre Geschichte ab 2015 verschiedenen Gremien anvertraut haben, die sich für die Entschädigung von Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen und sexueller Übergriffe engagieren, haben sie vor zwei Wochen via Medien eine breite Öffentlichkeit an ihrem Schicksal teilhaben lassen. Das Kinderheim St. Benedikt, in welchem sie von 1978 – 1981 untergebracht wurden, hat Ihnen hierfür eine Plattform zur Verfügung gestellt. Was für Reaktionen haben Sie erhalten?
Andreas Santoni: Ich habe keine direkten Reaktionen erhalten. Ich muss dazu sagen: Ich lebe sehr zurückgezogen. Meine Frau hingegen ist nach der Medienkonferenz im Dorf angesprochen worden, sie hat mir auch drüber berichtet – allerdings nur die positiven Dinge. Das Andere will ich gar nicht wissen.

Frau Iff, Sie haben Herrn Santoni diese Plattform zur Verfügung gestellt, haben sich gemeinsam mit ihm den Medien gestellt. Die heute für die Institution Verantwortlichen, namentlich die Präsidentin des Trägerverein, Regula Jäggi, hat sich in aller Form für das Geschehene entschuldigt. Was gab den Ausschlag, das so zu inszenieren?
Pia Iff: Wir inszenieren nicht. Wir haben die Geschichte von Herrn Santoni gehört und sind sehr betroffen. Sein Anliegen haben wir ernst genommen. Das, was geschehen ist, ist Teil der Geschichte dieses Heims. Somit ist es richtig, dass wir dafür Verantwortung übernehmen. Dazu gehört auch, dass die Opfer eine Stimme bekommen. Das ist wichtig – Und vor allem auch, dafür zu sorgen, dass so etwa nie wieder geschehen kann.

Erstaunt hat, dass Ihnen und dem Trägerverein der damalige Heimleiter Peter Bringold in den Rücken gefallen ist. Er erklärte gegenüber der Aargauer Zeitung, dass «keiner der damaligen Verantwortungsträger von den verabscheuungswürdigen Machenschaften» etwas gewusst habe.
Andreas Santoni: Das kann gar nicht stimmen. In einem Kommentar auf den Zeitungsbericht hat ein Hermetschwiler geschrieben, dass das ganze Dorf genau mitbekommen habe, was vor sich ging. Und der Heimleiter von damals soll nichts gewusst haben?

Insofern muss eine solche Reaktion von Seiten des damaligen Verantwortlichen ja furchtbar gewesen sein…
Andreas Santoni: Wie ein Faustschlag ins Gesicht…

Es stellt sich dann aber schon die Frage, wie das passieren konnte. Frau Iff: Hat man denn nicht versucht, Herrn Bringold ins Boot zu holen? Es kann doch nicht sein, dass Herr Santoni von Seiten der Institution mit doppeldeutigen Botschaften konfrontiert wird.
Pia Iff: Ich bedauere die Reaktion sehr. Herr Bringold wurde in einem persönlichen Gespräch informiert, dass die Trägerschaft des Kinderheims und Herr Abt Beda (Anmerkung der Redaktion: Das Kloster Muri-Gries ist für die im Kinderheim St. Benedikt tätigen Seelsorger verantwortlich) sich bei Herrn Santoni und allen Opfern entschuldigen.
Herbert Wyss: Was Herr Bringold getan hat, ist aus juristischen und moralischen Gründen nicht nachvollziehbar: Erstens ist er immer noch dem Datenschutz unterstellt und darf über nichts reden, was während seiner Zeit als Heimleiter passiert ist. Zweitens verschlimmert er das Leiden eines Opfers. Herr Bringold hat sich ohne Not eingemischt…
Andreas Santoni: … und grossen Schaden angerichtet. Auch für das Kinderheim…
Herbert Wyss: Die Reaktion von Peter Bringold zeigt aber auch, wie damals Strukturen solche Missstände unter Verschluss gehalten haben – ja, es sogar ermöglicht haben, dass so etwas passiert. Man hat sich gegenseitig gedeckt und dazu beigetragen, dass sich Pädophile untereinander finden konnten.
Andreas Santoni: Da hat auch die Gesellschaft versagt: So viele haben es gewusst und niemand hat etwas gesagt.

Herr Santoni: Viele Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und sexuellen Übergriffen verdrängen, können nicht über das Erlittene sprechen. Sie haben es geschafft, Ihr Schicksal öffentlich zu machen. Was hat dazu geführt, dass Sie diesen Weg beschreiten konnten?
Andreas Santoni: Ich dachte auch, ich hätte das abgeschlossen. Aber das stimmte nicht. Nach meinem Selbstmordversuch vor 7 Jahren hatte ich viel Psychotherapie. Die meisten Therapeuten waren überfordert. Dann kam ich aber zu einer Psychologin, die mich immer wieder ermuntert und motiviert hat, über das Vorgefallene zu sprechen. Sie hat mich auch auf die Guido Fluri-Stiftung aufmerksam gemacht. Und auf die Schweizer Bischofskonferenz, die erklärt hat, dass Opfer von sexuellen Übergriffen von Priestern entschädigt werden sollen.

Was hat sich gefühlt für Sie verändert, wenn sie auf den gegangenen Weg zurückblicken?
Andreas Santoni: Gefühlsmässig kann ich das alles noch nicht einordnen, das braucht Zeit. Es kommen aber viele Bilder von Erlebtem hoch, auch Neues. Ich bin froh, dass ich darüber sprechen kann und wahrscheinlich wird der ganze Rummel irgendwie helfen, das alles aufzuarbeiten.

Sie haben sich lange Zeit als Täter, nicht als Opfer gefühlt. Sie haben sich die Schuld gegeben für das, was passiert ist. Das ist für Aussenstehende mitunter schwer nachzuvollziehen.
Andreas Santoni: Ich glaubte, ich hätte den Pfarrer verführt.
Herbert Wyss: Das erklärt sich aus dem heraus, wie früher Gewissensbildung funktioniert hat. Wenn alle Autoritäten von den Eltern über die Erzieher bis zum Pfarrer einem Kind, das einen solchen Übergriff erlebt hat und davon berichtet, sagen: «So etwas sagt man nicht», dann übernimmt das ein Kind und ist hernach überzeugt: «Ich bin schlecht.» Und wenn alle das Gegenteil behaupten, kann für das Kind gar nicht sein, was es erlebt hat.»
Andreas Santoni: Genau! Es hätte gar nichts genützt, wenn ich etwas gesagt hätte – man hätte mir gar nicht geglaubt!

Sie haben lange Zeit nicht gewusst, dass der Pfarrer, der Sie sexuell missbraucht hat, schon verstorben ist. Wie war das für Sie, als Sie schliesslich von seinem Tod erfahren haben?
Andreas Santoni: Das war schlimm für mich, weil ich nie Antworten erhalten habe. Er ist in jenem Pfarrhaus gestorben, wo er all das gemacht hat. Ich sehe das ein Stück weit auch als Strafe. Dass er dort gehen musste, wo er seine Schandtaten begangen hat.

Auf welche Fragen hätten Sie denn gern eine Antwort gehabt?
Andreas Santoni: Warum ich? Gab’s noch andere? Glauben Sie an Gott?

Es ist bestimmt davon auszugehen, dass noch mehrere Kinder von den sexuellen Übergriffen betroffen waren…
Pia Iff: Zwei haben sich bereits gemeldet.

Abgesehen von der Entschuldigung: Was leistet das Kinderheim St. Benedikt materiell an Wiedergutmachung?
Pia Iff: Wir haben keine finanziellen Ressourcen für Entschädigungszahlungen. Wir sind offen für Gespräche, hören hin und vernetzen mit anderen Fachstellen, wie der Opferhilfe oder den kirchlichen Instanzen, die sich mit der Thematik befassen.
Herbert Wyss: Eine materielle Geste zur Wiedergutmachung wurde über die Wiedergutmachungsinitiative des Bundes über die Bischofskonferenz bereits geleistet. Vermutlich ist für Herrn Santoni jetzt die moralische Unterstützung und die soziale Integration das zentrale Anliegen. Beides will das Kinderheim Hermetschwil leisten. Das ist ein Prozess, der andauern wird. Es ist aber in diesem Zusammenhang auch hervorzuheben, wie wichtig die Unterstützung für Herrn Santoni war, die er von der Guido Fluri-Stiftung erhalten hat.

Wenn man auf die Medienberichterstattung schaut, dann standen die sexuellen Übergriffe im Zentrum. Doch was ist mit den von Herrn Santoni in einem Interview mit der Guido Fluri-Stiftung beschriebenen sadistischen Strafen und Drangsalierungen, denen die Kinder seinerzeit ausgesetzt waren? Wird man sich damit ebenfalls noch auseinandersetzen? Hat sich das Kinderheim St. Benedikt bei den Opfern schon entschuldigt?
Pia Iff: In der Entschuldigung wurden explizit alle Opfer, nicht nur die von sexueller Gewalt angesprochen. An der Medienkonferenz vom 5. Juli werden wir darüber informieren, was der nächste Schritt zur Aufarbeitung sein wird.
Herbert Wyss: Geplant ist, dass alles geschichtlich aufgearbeitet wird. Darüber werden wir unter anderem an der nächsten Medienkonferenz am 5. Juli informieren.

Entscheidend ist auch, dass sich so etwas nie mehr wiederholen darf
Andreas Santoni: Niemand kann eine Garantie dafür geben, dass so etwas nie mehr passiert…
Herbert Wyss: Aber man kann eine Menge dagegen tun.
Pia Iff: Und was wir bereits dafür alles tun, werden wir an der Medienkonferenz am 5. Juli aufzeigen. Wir werden ein Zeichen setzen, welches erinnert und wachsen wird, dies als symbolischer Akt. Die Zahl 3 ist für Herrn Santoni ganz wichtig…
Andreas Santoni: Die 3 steht für die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft…
Pia Iff: Wir werden drei Linden pflanzen. Linden stehen auch für Frieden und Versöhnung…
Andreas Santoni: Ganz wichtig ist mir noch: Nicht nur verantwortliche Institutionen müssen hinschauen, sondern auch die Gesellschaft. Die meisten Übergriffe passieren im Privaten. Auch so etwas darf nicht passieren.

 

Hinweis:
Anlaufstelle für Opfer von Übergriffen im Kinderheim St. Benedikt Hermetschwil die Leitung des Kinderheimes, Pia Iff (056 649 23 23), oder Abt Beda Szukics in Muri-Gries (+39 0471 282287).

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Weiss noch von zwei weiteren Opfern, die sich nach der gemeinsamen Medienkonferenz mit Andreas Santoni Mitte Juni gemeldet haben: Pia Iff, Leiterin des Kinderheims St. Benedikt. | © Roger Wehrli
Pia Iff
Man könne eine Menge tun, damit solch schreckliche Dinge nicht wieder passieren, ist Herbert Wyss überzeugt. Der erprobte Krisenmanager berät das Kinderheim St. Benedikt bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und Gewaltakte, die Heimkinder in den 1970er und 1980er Jahren im Kinderheim St. Benedikt haben erleben müssen. | © Roger Wehrli
Herbert Wyss

Der Fall Santoni:
Eine Chronik des Grauens

1968 geboren, wuchs Andreas Santoni in zerrütteten Familienverhältnissen in Boswil auf. Schon als kleiner Bub habe er einen sexuellen Übergriff durch einen Geschäftspartner der Familie über sich ergehen lassen müssen, wird er später berichten. Im Jahre 1978, mit 9 Jahren, kam Andreas Santoni dann ins Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil. Das Kinderheim beherbergt noch heute 36 Buben, die der Institution vom Kanton zugewiesen werden. Bis in die 1980er Jahre herrschte unter dem damaligen Heimleiter Peter Bringold ein autoritäres Regime. Zwar durften die Erzieher nicht mehr prügeln, doch in einem Interview mit der Guido Fluri-Stiftung berichtet Andreas Samtoni von sadistischen Praktiken, mit denen den Kindern bis zum Erbrechen das Essen eingegeben wurde, das sie nicht mochten, wie sie des Nachts vor einem Auto einherrennend durchs Dorf gehetzt wurden und in die Klosettschüsseln getaucht wurden. Angesichts derartiger Umstände vertrauten sich viele Kinder dem Pfarrer an, der Mitglied im Vorstand des Kinderheims war und dort auch Religion unterrichtet. Der Pfarrer suchte den Kontakt zu den Kindern, nahm sie mit zu sich ins Pfarrhaus, hörte ihnen zu veranstaltete Filmabende. Gleichzeitig missbrauchte er aber auch das Vertrauen der Zöglinge. Allein Andreas Santoni berichtet von 60-70 sexuellen Übergriffen im Laufe jener drei Jahre, in denen er im Kinderheim war. 1981 konnte Andreas Santoni zurück zu seiner Mutter. Diese hatte wieder geheiratet und zwei weitere Kinder. Andreas Santoni fand den Rank nicht, scheiterte in der Lehre, griff zum Alkohol. Im März 2011 wurde die Last unerträglich: Mit Gasflaschen versuchte er sich beim Kinderheim in Hermetschwil in die Luft zu sprengen, konnte aber von Polizisten davon abgehalten werden. Es folgte ein stationärer Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik Königsfelden und abschliessend mehrjährige ambulante Psychotherapie. 2015 Jahre entschloss sich Andreas Santoni, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen: Zunächst bei der Guido Fluri-Stiftung, die sich für die Entschädigung von Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen einsetzt, später bei der Schweizerischen Bischofskonferenz SBK, die beschlossen hatte, sich der Opfer von sexuellen Übergriffen der Seelsorger anzunehmen und Wiedergutmachung zu leisten. Über den damaligen Abt von Muri-Gries, Benno Malfèr, erhielten schliesslich auch die Heimleitung und der Trägerverein des Kinderheims St. Benedikt in Hermetschwil Kenntnis von den Vorfällen in den 1970er- und 1980er Jahren. Während eines gemeinsamen Auftritts vor Medienvertretern am 14. Juni 2018 entschuldigten sich die heutigen Verantwortlichen des Kinderheims bei Andreas Santoni für den «Machtmissbrauch», die «körperlichen» und die «sexuellen Übergriffe». Dies jedoch wurde vom damaligen Heimleiter Peter Bringold via Medien als «falsch» kritisiert. Am Donnerstag, 5. Juli, lädt das Kinderheim St. Benedikt Hermetschwil zu einer neuerlichen Medienkonferenz. In Anbetracht der Brisanz des Falls wird auch Guido Fluri von der gleichnamigen Stiftung zugegen sein. Das Kinderheim St. Benedikt will in diesem Zusammenhang auch aufzeigen, wie künftig sexuelle Übergriffe wirksam vermieden werden sollen. Ebenfalls geplant ist Akt der Aussöhnung zwischen den Opfern, vertreten durch Andreas Santoni und den Heimverantwortlichen.

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