Erika Albert, Wegbegleiterin in Brugg.  | © zvg

«Ich gebe gerne etwas zurück»

Interview mit der Wegbegleiterin Erika Albert

Christian Härtli, 9.3.17

Erika Albert ist seit viereinhalb Jahren als freiwillige Mitarbeiterin für das Angebot «Wegbegleitung» in Brugg tätig. Im Interview gibt sie Auskunft über ihre vielfältigen Aufgaben und verrät, wie sie schwierige Erfahrungen verarbeitet.

 Erika Albert, Sie begleiten als freiwillige Wegbegleiterin Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Wie viele Begleitungen haben Sie schon durchgeführt?
Erika Albert: Drei längere Begleitungen, davon eine mit einem Unterbruch. Insgesamt dauerte jede Begleitung etwa ein Jahr, mit durchschnittlich einem Treffen von einer bis drei Stunden pro Woche.

Was war Ihre Aufgabe bei diesen Wegbegleitungs-Treffen?
Herr A. brauchte Hilfe, um Termine einzuhalten: es ging um eine IV-Anmeldung und Arztbesuche. Dank der Wegbegleitung konnten die nötigen Termine eingehalten werden, was zum definitiven Entscheid der IV führte. Frau B. wurde arbeitslos und brauchte Unterstützung beim Organisieren der Amtsbesuche, beim Schreiben von Bewerbungen und Einhalten von Terminen. Sie fand nach Abschluss der Wegbegleitung eine Stelle. Herr C. suchte eine Wohnung und ich unterstützte ihn bei der Suche. Bald stellte sich heraus, dass seine Deutschkenntnisse zu lückenhaft waren. Gemeinsam mit ihm füllte ich Formulare aus und schrieb Briefe. Leider fand er trotzdem keine Wohnung. Der Klient profitierte dennoch von der Begleitung, da sie ihm Sicherheit in einer schwierigen Zeit gab.

Wird den Klienten Wegbegleitung verordnet oder kommen sie freiwillig?
Alle Personen kommen freiwillig und wünschen Wegbegleitung. Eine Wegbegleitung kann jederzeit durch jede Partei aufgehoben werden, also durch die Klientin, den Wegbegleiter oder die Vermittlungsstelle.

Sie selber engagieren sich ehrenamtlich für andere Menschen und werden nicht für Ihre investierte Zeit entschädigt. Weshalb tun Sie das?
Mir selber geht es gut, dafür bin ich sehr dankbar. Deshalb gebe ich den Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, und der Gesellschaft gerne etwas zurück.

Was tun Sie, wenn Sie selber in einer Begleit-Situation vor Schwierigkeiten stehen?
Ich überlege mir: «Was genau ist mein Auftrag? Habe ich oder mein Klient den Auftrag aus den Augen verloren?» Meistens komme ich durch die Beantwortung dieser Frage zur Lösung. Wenn die Frage nicht so einfach zu beantworten ist, brauche ich Zeit, um der Antwort nachzugehen. Meistens schaffe ich das selber. Wenn nicht, suche ich Rat bei der Stellenleitung. Ausserdem nehme ich am regelmässigen Erfahrungsaustausch mit den anderen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern teil. Auch der hilft mir, Antworten zu finden.

Was tut Ihnen nach einem Treffen mit einem Klienten gut?
Ich meditiere die Situation im Gebet. Auch schwierige Situationen kann ich so besser akzeptieren.

Haben Sie Kontakt mit anderen Wegbegleiterinnen oder Wegbegleitern?
Ausserhalb des Erfahrungsaustauschs habe ich keinen Kontakt. Ich kann aber die Vermittlungsstelle jederzeit kontaktieren.

Wie lange haben Sie sich verpflichtet, Wegbegleiterin zu sein?
Ich habe mich nicht verpflichtet und bin jederzeit fei, nach einer Begleitung eine Pause einzulegen. Das ist und bleibt offen.

Lassen sich solche Begleitungen überhaupt im Rahmen von freiwilligem Engagement durchführen – zeitlich und inhaltlich?
Es ist eine Herausforderung, diese Treffen neben meinen anderen Terminen einzuplanen. Ich muss mir Zeitfenster einrichten, um Begleitungen durchzuführen, denn ich bin nicht sieben Tage pro Woche für meine Klienten da. Wir haben eine Vereinbarung, wann und woran wir arbeiten – an die halte ich mich. Stelle ich fest, dass ein anderes Thema bearbeitet werden muss, bespreche ich das mit der Klientin und der Vermittlungsstelle. Dann wird entweder ein neuer Auftrag definiert oder der Klient wird mit dieser Frage an eine andere Organisation verwiesen. Der Stellenvermittlerin und mir ist wichtig, dass ich nur an einem Auftrag mit meinem Klienten arbeite.

Wenn Sie einen Wunsch hätten, was würden Sie sich für das Projekt Wegbegleitung wünschen?
Es wäre schön, wenn Wegbegleitung zu einer festen Institution wird, einer festen, bekannten Grösse im Aargau. So wie zum Beispiel die Schuldenberatung oder andere soziale Institutionen.

www.wegbegleitung-ag.ch

 

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