Eine international gemischte Delegation koptischer Christen begab sich am Dienstag, 16. Juli, nach Bad Zurzach ins Verenamünster. Zwei Reliquien der Heiligen Verena reisen mit ihnen zurück in die USA. | © Marie-Christine Andres

Internationaler Besuch für die Heilige Verena

Marie-Christine Andres Schürch, 18.7.19
  • Zwei Delegationen koptischer Christen aus den USA besuchten am Dienstag, 16. Juli, das Verenamünster in Bad Zurzach.
  • Die Priester der koptischen Gemeinschaften in Milwaukee (Wisconsin) und Nashville (Tenessee) holten je eine Reliquie der Heiligen Verena ab.
  • Die in den USA lebenden ägyptischstämmigen Kopten hielten Andacht am Grab der Heiligen aus Theben und zeigten sich bei der Münsterführung fasziniert von den vielen Zeichen der lebendigen Verenaverehrung in Zurzach.

 

Das Grab der Heiligen Verena im Münster von Bad Zurzach ist seit 1600 Jahren spirituelles Zentrum des Fleckens. Die Legende erzählt, dass die Ägypterin und koptische Christin Anfang des 4. Jahrhunderts mit der Thebäischen Legion nach Europa kam und in Zurzach ihren Wirkungsort fand. Im Jahr 344 soll sie in Zurzach gestorben sein. Ihr Grab ist bis heute ein bekannter Wallfahrtsort.

Fit und erwartungsvoll

Die Pilger, die an diesem Julimorgen unter den Kastanienbäumen vor dem Verenamünster warten, haben einen mehrstündigen Flug hinter sich.  Doch als Diakon Marcus Hüttner sich erkundigt, ob sie «fit enough» für eine Tour durchs Münster seien, nicken alle und strahlen ihn erwartungsvoll an.

Eine Reliquie der beliebten Heiligen

Die zwei Delegationen kommen aus den USA. Es sind koptische Christen aus den beiden Städten Nashville und Milwaukee. Alle haben ägyptische Wurzeln. Die Vertreterinnen und Vertreter der koptischen Gemeinschaften sind gekommen, um eine Reliquie der Heiligen Verena aus dem Münster mit nach Hause zu nehmen.

Abweichung von der geraden Linie

Diakon Marcus Hüttner begrüsst die Gruppe und zeichnet mit dem Arm einen Bogen in die Luft: dass die Hauptstrasse um den Münsterplatz herum von der geraden Linie abweiche, sei das wichtigste Indiz für die grosse Bedeutung des Heiligengrabs schon zur Römerzeit, erklärt er. «Die Menschen haben bewusst die römische Strasse verlegt aus Rücksicht auf die besonders verehrte Grabstätte. Das ist der früheste archäologische Beleg für die Verehrung des Heiligengrabs.»

Verina meets Verena

Als Erste tritt Verina Awadalla über die Schwelle des Münsters. Sie ist die Tochter des koptischen Priesters Father Rewis aus Milwaukee im US-amerikanischen Staat Wisconsin. Ihren Namen verdankt Verina der Heiligen Verena. Als junger Mann arbeitete Rewis Awadalla bei Sandoz in Basel. Dort hörte er erstmals von Verena und begann sich für die Vita der Heiligen zu interessieren. Weil er vor Ort keine Literatur in Englisch fand, konnte er erst zuhause in den Staaten die Legende nachlesen. Verena, die koptische Christin, die im 3. Jahrhundert mit der thebäischen Legion aus Ägypten via Mailand, St. Maurice und Solothurn nach Zurzach gekommen war, begeisterte ihn. So tauften Father Rewis und seine Frau Marian ihre Tochter – leicht abgewandelt – Verina.

Zwei Knochenstücke aus der «Arche»

In der Krypta des Münsters befindet sich der Grund für den internationalen Besuch in einem schwarzen Schächtelchen. Zwei je etwa fünf Milimeter lange Knochenstücke, sorgfältig in Glas und Gold gefasst. Die Reliquien stammen aus dem Kirchenschatz des Verenamünsters. Als einst das Grab unter der Kirche geöffnet und ein Grossteil der Knochen entnommen wurden, legte man sie zur Aufbewahrung in die so genannte «Knochen-Arche». Der goldene Behälter steht gut gesichert im «Ölberg» des Münsters, einem Nebenraum gegenüber der Sakristei. Bischof Felix Gmür erteilte der Pfarrei St. Verena die Erlaubnis, den zwei koptischen Delegationen aus den USA je eine Knochenreliquie aus dieser Arche zu übergeben. Diakon Marcus Hüttner, Gemeindeleiter in der Pfarrei St. Verena in Bad Zurzach, betont: «Wir verschenken die Reliquien. Die Empfänger bezahlen lediglich den Goldschmied, der die Reliquie einfasst.»

Live-Übertragung morgens um drei

Verina Awadalla filmt die Ausführungen von Marcus Hüttner mit dem Handy und überträgt die Münsterführung live in die USA. Prompt kommen von Zuhause Kommentare und Likes, obwohl es dort drei Uhr morgens ist.

Verbindung zwischen den Staaten Wisconsin und Tennessee

Die Besucher aus den USA kennen sich untereinander, obwohl sie aus zwei verschiedenen Städten kommen, die etwa acht Autostunden auseinanderliegen. Die Verbindung zwischen Milwaukee im Staat Wisconsin und Nashville im Staat Tennesse besteht, weil Father Theodore in Milwaukee aufgewachsen ist und nun in Nashville als Priester tätig ist. «Father Rewis fand meine Idee, in Bad Zurzach um eine Reliquie unserer koptischen Heiligen zu bitten, super und beschloss, ebenfalls mitzukommen», erklärt Father Theodore den doppelten Besuch.

Weiterreise durch Europa

Neun koptische Kirchen mit insgesamt 30’000 Mitgliedern gebe es in Nashville, erklärt Ihab Famy. Er ist der Onkel des dortigen koptischen Priesters Father Theodore, lebt in Deutschland und arbeitet in der Schweiz. Die Delegation aus Nashville übernachtet bei ihm in der Wohnung, bevor sie weiterreist – durch die Schweiz, Deutschland, Österreich und für einen kurzen Abstecher nach Paris. Die Kirche in Nashville, welcher Father Theodore vorsteht, ist der Heiligen Verena geweiht. Die Reliquie aus dem Verenamünster in Bad Zurzach werde dort einen Ehrenplatz bekommen, erklärt der junge Priester. Er sei glücklich, fortan ein «Stück Verena» in seiner Kirche zu haben.

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Diakon Marcus Hüttner umringt von den Vertreterinnen und Vertretern der koptischen Gemeinschaften von Nashville (Tennesse) sowie Milwaukee (Wisconsin) in den USA. | © Roger Wehrli
Gruppenbild in der Krypta
Diakon und Gemeindeleiter Marcus Hüttner mit Father Rewis und dem kostbaren Arm-Reliquiar aus dem Münsterschatz. | © Roger Wehrli
Arm-Reliquiar der Heiligen Verena
Verina Awadalla (ganz links) überträgt die Führung durchs Verena-Münster direkt in die USA. | © Marie-Christine Andres
Live-Übertragung in die USA
Die im Grab unter der Kirche aufgefundenen Knochen legte man zur Aufbewahrung in diese goldene «Knochen-Arche». Die darin enthaltenen Knochen lagen im gleichen Grab, in dem auch die Heilige Verena bestattet sein soll. Sie gelten deshalb als «Berührungsreliquien». | © Marie-Christine Andres
Knochen-Arche im Kirchenschatz
Die US-Delegation im Chor des Verenamünsters. Die Besucherinnen und Besucher zeigten sich sehr interessiert an den vielfältigen Zeichen des lebendigen Verenakultes in der Kirche. | © Marie-Christine Andres
Führung durchs Verenamünster
Pater Isidoros (links) von der koptischen Gemeinde in Dietlikon zusammen mit Father Rewis Awadalla und seiner Frau Marian aus Milwaukee im Staat Wisconsin. | © Roger Wehrli
Pater Isidoros, Father Rewis, Marian Awadalla
Hinter dem Hochaltar ist die älteste im Münster erhaltene Verena-Darstellung zu finden. | © Marie-Christine Andres
Verena-Darstellung
Nach der Andacht und der Übergabe der Reliquien machte sich die Gruppe auf den Weg zum ehemaligen Römerkastell auf dem Kirchlibuck oberhalb des Rheins. | © Roger Wehrli
Weg zum «Chilebückli»
Auf dem Kirchlibuck ist eine der ältesten Taufstätten nördlich der Alpen zu finden. Das Taufbecken stammt aus dem 4. oder 5.  Jahrhundert. | © Roger Wehrli
Uralte Taufstätte
Die Besuchergruppe zeigte sich fasziniert von den alten und kostbaren Werken im Kirchenschatz. | © Marie-Christine Andres
Beim Kirchenschatz
Die etwa fünf Millimeter langen Knochenstücke wurden vom Goldschmied sorgfältig eingefasst. In den Kirchen von Nashville und Milwaukee werden die Reliquien einen Ehrenplatz erhalten. | © Marie-Christine Andres
Eingefasste Reliquie
Als Dank für den Empfang und die Reliquien überreichten die koptischen Delegationen der Pfarrei St. Verena eine Ikone von Mauritius und Verena. | © Marie-Christine Andres
Gastgeschenk
Die Besucher aus den USA nutzen die Gelegenheit, gleich noch die Schweiz und einige europäische Städte zu besuchen. | © Roger Wehrli
Weiterreise
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