03.09.2020

Kloster Fahr
Dank Silja eine Kandidatin

  • Seit Mitte Mai lebt Judith Samson als Kandidatin im Benediktinerinnen-Kloster Fahr.
  • Obwohl sich die 42-Jährige nach wie vor als «Suchende» bezeichnet, ist sie überzeugt, – ganz nach Silja Walter – «ihre Insel» gefunden zu haben.
  • Es waren Texte der schreibenden Nonne Schwester Hedwig, welche die Norddeutsche in die Schweiz führten.

«Die wilden Enten | schrein überm Fluss | mit den Morgensirenen | zusammen | vom Gaswerk | nichts weiter. | Und Gomer geht summend | hinaus in die Küche | die Minze zu sieden | nichts weiter. | Doch alle Schöpfung | ihr Herz und die Küche | sind voll singenden | Feuers.» Judith Samson legt das Buch von Silja Walter «Der Tanz des Gehorsams» zur Seite, nachdem sie einen ihrer Lieblingstexte, «Voll singenden Feuers», daraus vorgelesen hat. Sie, die Kulturwissenschaft mit Schwerpunkt Religion studiert und in Sozialwissenschaft und Gender Studies promoviert hat, sitzt im Besprechungszimmer des Klosters Fahr und denkt über die Frage nach: Wer ist Judith Samson?

Mit 28 Jahren bereits im Kloster

Judith Samson wächst als Einzelkind auf, verliert ihre Eltern relativ früh: Die Mutter mit 14, den Vater mit 19. Judith Samson begeistert sich seit in ihrer Jugend für Schöpfungsthemen. Sie wirkt in einer Umweltgruppe mit, betreibt umsichtig Recycling, kauft im Bioladen ein. Vor gut zwanzig Jahren, «im Alter, wo man in der Regel Berufung spürt», fällt ihr der eingangs erwähnte «Tanz des Gehorsams» von Silja Walter in die Hände. «Diese Literatur entführte mich in eine Welt, wo sich das Alltägliche und Kosmische verbinden.» Schon damals fragt sie sich, wo wohl dieser Ort ist, der Silja Walter derart inspiriert. Mit 28 entscheidet sie sich für den Eintritt in ein süddeutsches Benediktinerinnen-Kloster. Nach vier Monaten als Kandidatin erkennt sie einerseits, dass das Leben in diesem Kloster für sie körperlich zu anstrengend ist und andererseits, dass «in mir selber noch viel Unruhe herrscht, die zuerst ausgelebt werden muss.»

Erneut akut wird das Thema Kloster für Judith Samson, als sich die am «Katholischen Forum für Erwachsenen- und Familienbildung Krefeld und Viersen» Tätige auf eine Veranstaltungsreihe vorbereitet. Dabei wäre es eigentlich um die Frage gegangen, wie das Klösterliche mehr in den Alltag integriert werden kann. Doch für sich persönlich spürt Judith Samson: «Ich möchte, dass das Kloster mein Alltag wird.» Sie lässt sich leiten: Von der Website des Klosters Fahr, die ihr sehr freundlich erscheint; von Priorin Irene Gassmann, die sich aktiv für Frauenanliegen in der Kirche einsetzt. Judith Samson: «Ich habe meine Kämpfe mit der römisch-katholischen Kirche und deren Hierarchieverständnis. Trotzdem ist mir diese Kirche Heimat. Ein Kloster, das sich explizit zu Frauenfragen äussert, überzeugt mich.»

Voll singenden Feuers

Judith Samson greift zum Telefonhörer und wählt die Nummer des Klosters am Rande der Stadt. Schwester Michaela meldet sich und stellt zügig zur Priorin durch, als Judith Samson ihr erklärt, dass sie sich für einen Eintritt ins Kloster interessiere. Priorin Irene Gassmann: «Etwas widerwillig nahm ich den Anruf entgegen und hörte einfach mal zu. Als ich spürte, dass die Frau nicht schon morgen eintreten möchte, war ich beruhigt. Sie hatte also Zeit – und das ist für mich ein gutes Zeichen. Wir vereinbarten, dass sie sich über das Gästeformular für einen Besuch anmelden soll. Das tat sie denn auch. So lernten wir uns etwa zwei Monate später kennen.»

Das war im 2019, dem Jubiläumsjahr zu Silja Walter, das unter dem Motto «Voll singenden Feuers» im Kloster Fahr begangen wurde. Judith Samson erinnert sich an ihren ersten Besuch. «Die Fahrer Frauen stellen sich unabhängig von ihrem Lebensalter den Zeitfragen, zeigen Interesse an den Menschen, sind offen und herzlich. Ich hatte sofort das Gefühl, zuhause zu sein.» Priorin Irene und Judith Samson geben sich Raum und Zeit. «Ich war schon so lange auf dem Weg, also wartete ich, bis mir die Priorin das Okay gab.» Priorin Irene: «Ein wesentlicher Punkt ist die Motivation. Ich habe Judith gebeten, diese auch schriftlich zu formulieren. Wichtig war zudem, dass Judith mit Schwester Martina, unserer Gastschwester und Noviziatsbegleiterin, Gespräche führen konnte.»

Nach Ankunft ab in die Quarantäne

Das Kloster Fahr hatte schon lange keinen Eintritt mehr. Darum will Priorin Irene zur Vorbereitung im März in Deutschland ein Kloster besuchen, in dem mehrere Novizinnen leben. «Ich hatte eine Liste von Fragen vorbereitet. Aber dann wurden die Grenzen geschlossen. Es musste demnach nicht sein.» Zusammen mit Schwester Martina erarbeitet sie einen Einführungsplan. «Als wir die Zelle in der Klausur für Judith vorbereiten, entstand eine spürbare Vorfreude auf diesen Nachwuchs», so die Priorin. Für Judith Samson ist es lockdown-bedingt ebenfalls komplizierter, den Abschied vom Gewohnten zu regeln und die Übersiedlung in die Schweiz zu organisieren. Überaus glücklich ist sie, als sie für ihre beiden Katzen ein Ehepaar findet, bei dem es die Samtpfoten wiederum sehr gut haben. Schliesslich geht die Reise los. Weil Judith Samson bei der Ankunft im Fahr ein Husten plagt, muss sie zuerst zwei Wochen in ein Gästezimmer in Quarantäne. Mittlerweile ist sie in die Klausur übersiedelt.

Das Smartphone gibt sie beim Eintritt ins Kloster bewusst ab, pflegt Kontakt vor allem per Mail. Mit einem elektronischen Rundbrief berichtet sie von ihren Erfahrungen. «Angeregt durch meinen Entscheid, stellen sich viele aus meinem Umfeld nun die Frage, was ihnen wirklich wichtig ist im Leben.» Judith Samson selber weiss: «Der Eintritt ins Kloster ist der Anfang eines langen Weges, der eigentlich nie aufhört.» Rückblickend auf die ersten gut 100 Tage im Fahr findet sie: «Es tut sich innerlich viel. Es spricht zu mir. Ich habe es mit der Ungeduld zu tun. Doch es geht darum, einen Tag nach dem anderen zu nehmen; die Kontrolle aus der Hand geben; bereit zu sein, sich auf Neues einzulassen. Ich übe mich in Geduld. Das ist die Aufgabe.» Judith Samson greift erneut zum «Tanz des Gehorsams», schlägt das Buch auf Seite 25 auf und liest: «Hinter den Wäschekörben | und Antiphonarien | und hinter der | Dogmatik | dahinter, | da ist etwas. | Hinter den Prozessionen | durch den geweisselten | Kreuzgang | und hinter dem Ganzen | dahinter.» Sie schaut auf, hält inne und sagt dann: «Ich denke, ich habe Gottes Ruf verstanden.»

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