Bewegt lauscht die Horizonte-Lesergruppe der Geschichte von Beatrice Bucher, die von ihrer Beziehung zu einem katholischen Priester berichtet. | © Werner Rolli

Lügenforschung mit der Leserschaft

Andreas C. Müller, 28.11.18
  • Horizonte lud seine Leserinnen und Leser ins neue Stapferhaus am Lenzburger Bahnhof. 18 Interessierte hatten sich angemeldet und genossen einen exklusiven Rundgang durch die neue Ausstellung «Fake. Die ganze Wahrheit» samt Apéro.
  • Anne Burgmer von Horizonte und Alain Gloor vom Stapferhaus-Team begleiteten die Lesergruppe durch die Räumlichkeiten. Als Gast berichtete Beatrice Bucher vom Verein der vom Zölibat betroffenen Frauen (Zöfra) aus ihrem Leben an der Seite eines katholischen Priesters.

 

Für die Horizonte-Lesergruppe wurde das Ausstellungsthema rund um Lüge und Wahrheit eigens mit kirchlichem Kontext in Verbindung gebracht. «Die Kirche hat Regeln produziert, die dazu führen, dass plötzlich das Leben von Menschen zu einem Lügengebilde wird», meinte Anne Burgmer vor der versammelten Gruppe, als sie das Wort an Beatrice Bucher vom Verein Zöfra übergab.

Beziehung zum Priester als Berg- und Talfahrt

«Ich habe mit einem katholischen Priester in einer Beziehung gelebt», begann Beatrice Bucher. Eine regelrechte Berg- und Talfahrt in ihrem Leben sei das gewesen – 12 Jahre lang.

«Nach dem Tod meines ersten Mannes hatte er sich unregelmässig erkundigt, wie es mir gehe. Wir kannten uns schon von früher her – er hatte auch mich und meinen Mann getraut», erzählte Beatrice Bucher weiter. Man habe sich hernach öfter getroffen und ganz langsam sei da eine besondere Beziehung erwacht. Er habe stets geltend gemacht: «Ich darf das nicht – was nicht sein darf, gibt es nicht». Ein schlechtes Gewissen habe er oft gehabt, denn er sei stets korrekt, aufrichtig und ehrlich gewesen.

«Er konnte ja nicht anders»

Gleichwohl habe man zueinander gefunden, die Beziehung versteckt. «In den letzten 3 bis 4 Jahren unserer versteckten Beziehung habe ich ihn am Sonntag öfters gefahren, wenn er zu Aushilfsgottesdiensten unterwegs war. Als Chauffeuse bin ich dann vorgestellt worden», erinnert sich die ZöFra-Vorstandsfrau. «Ich fand das schon schäbig, aber er konnte ja nicht anders, denn er arbeitete als Lehrer an einem Kollegium. Wenn er als Priester zu mir gestanden wäre, hätte man ihn gemeldet und er hätte nicht mehr unterrichten dürfen.»

Während Jahren reifte der Entschluss, zur Beziehung zu stehen. Nach Gesprächen mit den Ordensoberen stand fest, «der Austritt stand an. Dennoch, zwei Wochen vor diesem Termin – Ein erneuter Rückzieher. Schatz, ich schaff das nicht», eröffnete er ihr. Für Beatrice Bucher brach eine Welt zusammen und sie konnte vorübergehend nicht mehr arbeiten. Auch er zog sich für eine Auszeit mit fachlicher Begleitung in ein Kloster zurück und kommt doch zu einem Entscheid: Für die Beziehung.

Mitmischen in homöopathischen Dosen

Sichtlich bewegt stellten die Anwesenden Fragen: Wie das hernach finanziell gegangen sei? Ob diese ganze Geschichte für Beatrice Bucher Auswirkungen auf ihren Glauben und ihre Beziehung zur Kirche gehabt habe? Sie sei schon einige Male kurz davor gewesen, auszutreten, erklärte Beatrice Bucher. «Wenn ich aber nicht dabei bleibe, kann ich auch nicht aufstehen und für das eintreten, was mir wichtig ist. Dann kann ich auch nicht mitmischen», sagt sie.

Ob sie denn wirklich glaube, mitmischen zu können, wollte eine Leserin wissen. Beatrice Bucher hielt kurz inne, bevor sie antwortete: «Ja – zumindest in homöopathischen Dosen.» Und ergänzte dann: «An die Kirche als Institution glaube ich schon lange nicht mehr, aber daran, dass dieses Machtgewächs von Männern irgendwann zusammenbricht und sich etwas ändert.»

Wann sind Lügen okay?

Nebst diesem nachdenklich stimmenden Zugang zum Ausstellungsthema konnte sich die Horizonte-Lesergruppe aber auch sehr spielerisch mit der Bedeutung von Wahrheit und Lüge auseinandersetzen. Als «Amt für die ganze Wahrheit» ist die Ausstellung in unterschiedliche Räume gegliedert, in welchen die Besucherinnen und Besucher sich interaktiv mit dem Thema auseinandersetzen können. «Ein Staat wie der unsrige funktioniert ja nicht ohne Institutionen», so Alain Gloor vom Stapferhaus-Team. «So kamen wir darauf, die Ausstellung als Amt aufzubauen.» Es sei aber kein gewöhnliches Amt, sondern eines, das seine Besucherinnen und Besucher «braucht». Schliesslich wolle das Stapferhaus-Team mehr über die Beziehung der Menschen zu Lüge und Wahrheit erfahren und wertet an verschiedenen Stationen die Interaktionen der Ausstellungsbesucher aus.

In der «Zentralen Lügenanlaufstelle» beispielsweise lernten die Anwesenden verschiedene Lügengeschichten kennen und durften beurteilen, inwieweit sie die geschilderten Ausflüchte und Täuschungen als tolerierbar betrachteten. «Das habe ich auch gemacht», quittierte unter anderem eine Horizonte-Leserin eine Erzählung, gemäss der ein junges Mädchen beim Beichten dem Priester nicht erzählte, was sie wirklich angestellt hatte. «Das kann man machen». 

Flunkern üben im Labor

Im «Labor für Lügenerkennung» durfte man sich im Lügen versuchen, beziehungsweise darin, das Gegenüber beim Flunkern zu ertappen. Die Aufgabe bestand darin, herauszufinden, ob das Gegenüber wahrheitsgetreu beschrieb, was auf einem Kärtchen abgebildet ist?

Eine Horizonte-Leserin bekannte, sie habe mit Lust gelogen. Das gebe sie gern zu, aber mit ihrem Namen wolle sie nicht zitiert werden. Ob sie sich denn dafür schäme, dass sie gern lüge? «Nein», lautete die Antwort: «Aber dafür, es zugeben zu müssen.» Und wann darf man denn lügen? Um jemandem nicht weh zu tun, bekannte Arlette Marti aus Biberstein, nachdem sie den Lügendetektor ausprobiert hatte.

«Megaspannend» sei das alles gewesen, meinte Monika Schwere aus Oberrohrdorf zum Ende des Rundgangs. «Viele lebensnahe Geschichten». Sie wolle bestimmt nochmals in die Ausstellung kommen. «Am meisten bewegt hat mich der Vortrag von Frau Bucher: Das war so berührend und stark!»

 

 

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