Markus Wentink ist Theologe, Coach für rhetorische Kommunikation und Sprecherzieher. Er führt im Auftrag der Fachstelle Bildung und Propstei diverse Kurse und Coachings durch. | © Christian Breitschmid

«Die Leute bei ihren Schmerzpunkten abholen»

Christian Breitschmid, 30.1.20
  • Katholische Gottesdienste wirkten «verstaubt», war in einem Beitrag der Horizonte-Printausgabe Nr. 3/4 vom 5. Januar zu lesen. Diese Aussage führte zu teilweise heftigen Reaktionen von Seiten der Leserschaft.
  • In der heutigen Ausgabe, Nr. 7/8, geht Horizonte der Frage nach, ob die Gottesdienste im Aargau wirklich «verstaubt» wirken und was man gegen diesen Eindruck tun kann.
  • Da das gesprochene Wort einen wesentlichen Teil jedes Gottesdienstes ausmacht, fragte Horizonte beim Theologen und Sprecherzieher DGSS Markus Wentink nach, worauf Prediger achten müssen, wenn sie ihre Zuhörer packen wollen.

 

Obwohl Markus Wentink mit seiner sonoren, tiefen Stimme der geborene Sprecher ist, hört er erst einmal nur zu. Er will zuerst sein Gegenüber erfassen, dessen Bedürfnisse erkennen und die Fragen verstehen. Dann erst gibt er Antwort. Seine Sätze formuliert der 1967 in den Niederlanden geborene Sprechprofi in perfektem Deutsch und absolut druckreif. Kein Wunder, denn gleich nach der Matura trat Markus Wentink mit 20 Jahren in den Dominikanerorden ein und erhielt dort, im Institut für Rhetorik und Homiletik in Walberberg (D), seine erste rhetorische Ausbildung. Es folgten das Theologiestudium an der Universität Bonn (1988 – 1996) und die erste Anstellung in der Schweiz als Seelsorger in der Kirchgemeinde Sils-Silvaplana-Maloja.

«Wir haben einen sprecherischen Beruf»

Der sprachbegeisterte Theologe gründete die «Offene Kirche Sils», liess sich in Wislikofen zum Bibliodramaleiter ausbilden und wurde, nach seiner Diakonenweihe in Chur, erst Gemeindeleiter in Langnau-Gattikon und dann in Binningen. Von 2016 bis 2019 absolvierte er den Masterstudiengang «Speech Communication and Rhetorics» an der Universität Regensburg und darf sich heute «Sprecherzieher DGSS (Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung) mit Schwerpunkt ästhetisches Sprechen» nennen. Als solcher bietet er seit 2018 seine Kurse und Coachings bei der Fachstelle Bildung und Propstei der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau an (siehe unten).

«Wir haben einen sprecherischen Beruf», antwortet Markus Wentink auf die Frage, wie Theologen ihre Zuhörer fesseln können. «Aristoteles definierte die Rede noch als <die Kunst, Glauben zu erwecken>. Aber seit Elmar Bartsch, dem Begründer der sogenannten kooperativen Rhetorik, hält man eine Rede aus einer Gesprächshaltung heraus. Das heisst, man arbeitet als Redner oder Prediger mit seinen Zuhörern zusammen, man macht den Inhalt der Rede zur gemeinsamen Sache. Dabei ist ganz wichtig: eine Predigt ist kein Referat!»

«Mehr Verben, einfache Sätze»

Für eine packende Predigt sei es unabdingbar, sich in die Leute hineinzuversetzen, vor denen man rede, sagt Markus Wentink. «Dieser Hörerbezug ist das A und O einer erfolgreichen Rede. Dabei hilft es, den Zielsatz, auf den ich hinarbeite, umzuformulieren in eine Frage meiner Zuhörer. Das kann man lernen, wenn man die Reden von Jesus studiert. Er hat genau das gemacht. Jesus ist unser bester Rhetoriker.» Ausserdem müsse ein Sprecher «von Kopf bis Fuss auf Kommunikation eingestellt» sein, ergänzt Markus Wentink. «Das ist eine Haltung, die sich in meiner Stimme und dem ganzen Körper ausdrückt. So kommt es zu einer kommunikativen Begegnung. Man muss die Leute bei ihren Schmerzpunkten abholen.»

Eine solche kommunikative Begegnung mit den Zuhörern sei aber nur möglich, wenn man frei spreche, «denn das ermöglicht mir, mit den Leuten in Kontakt zu sein», erklärt der Sprecherzieher. «Das freie Sprechen kann man trainieren. Mehr Verben, einfache Sätze und eine bildhafte Sprache, die Emotionen erzeugt, darum geht es. Vor allem muss man den typischen Kirchensprech vermeiden. Es gibt so Ausdrücke wie zum Beispiel <einladen>, <ganzheitlich> oder <achtsam>. Damit wird alles so persilweich, furchtbar! Lesen Sie dazu mal das Buch von Erik Flügge: Der Jargon der Betroffenheit – Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt. Dem kann man nur entgehen, wenn man weiss, wen man vor sich hat, wie die Leute ticken. Daran muss ich meine Sprache ausrichten. Diese Aufgabe wird allerdings immer anspruchsvoller, denn unsere Gesellschaft wird immer vielschichtiger.»

«Keine infantilen Geschichten oder Moral»

Viele Prediger hätten das Gefühl, besonders persönlich zu sein, wenn sie von sich selber erzählten, weiss Markus Wentink, «aber persönlich bin ich, wenn ich die Leute anschaue, nicht, wenn ich von mir erzähle. Geschichten und Bilder aus dem Erfahrungsumfeld meiner Zuhörer, die wecken Emotionen. Es braucht dazu keine infantilen Geschichten oder Moral. Eine Predigt bleibt haften, wenn ich sie frei halte, dabei authentisch bin, Gefühle hervorrufe und einen guten Erzählstil pflege. So schaffe ich einen Bezug zu meinen Zuhörern.»

Wer mehr über die Geheimnisse des erfolgreichen öffentlichen Redens erfahren will, kann sich über die Kurse von Markus Wentink auf der Website der Propstei Wislikofen informieren. Der nächste Kurs «Überzeugend und lebendig präsentieren» findet bereits am 8. Februar statt. Anmelden dazu kann man sich hier. Wer sich mehr für den Kurs vom 29. Februar, unter dem Titel «Mit Persönlichkeit überzeugend kommunizieren» interessiert, kann sich hier anmelden. Die Übersicht über das ganze Kursangebot der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau findet sich auf deren Website.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Abonnieren Sie unseren Newsletter. Er erscheint alternierend zur Printausgabe alle zwei Wochen – immer mit den aktuellsten Horizonte-Geschichten und oftmals spannenden Verlosungen.
Der Bischof des Bistums Basel, Felix Gmür, ist ein begnadeter Prediger, der die Kunst der freien Rede beherrscht. | © Roger Wehrli
Predigt von Bischof Felix
Mathias Mütel ist der Bildungsverantwortliche des Bistums Basel und setzt auf die Schulung der interkulturellen Kompetenzen aller Seelsorger. | © zvg
Mathias Mütel, Bildungsverantwortlicher
Pfarreiseelsorger Stefan Heinzmann setzt in seinen Gottesdiensten erfolgreich um, was Markus Wentink empfiehlt. | © Christian Breitschmid
Pfarreiseelsorger Stefan Heinzmann
 
Christian Breitschmid

von Christian Breitschmid
redaktion@horizonte-aargau.ch

Wenn man dem Hund auf den Schwanz tritt, bellt er. Die Aussage von den «verstaubten Gottesdiensten» in Horizonte Nr. 3/4 mag unbedacht gewesen sein, aber sie hat dazu geführt, dass sowohl bestätigende als auch ablehnende Reaktionen bei der Redaktion eingegangen sind. Da stellt man sich unweigerlich die Frage: Ja welche Seite hat denn nun recht? Einfache Antwort: keine.

Denn weder Pop-, noch Rock-, geschweige denn Gospel-Bands locken mehr Leute in die Kirche. Auch Tiersegnungen sind zwar gut gemeint, hindern aber keinen Hunde- oder Katzenfreund am Kirchenaustritt. Ob der Papst nun rote oder gar keine Schuhe trägt, ob der Pfarrer im passenden Ornat oder im Lederkombi predigt, ob die Pfarreiseelsorgerin in der Albe oder im adretten Deux-Pièce vor die Gemeinde tritt, es spielt keine Rolle. Wer von der Kirche nichts wissen will, bleibt weg, egal mit welchen optischen oder akustischen Reizen man ihn lockt. Und wer nun aber das Gefühl hat, eine Rückkehr zur vorkonziliaren Liturgie sei der alleinseligmachende Heilsweg aus dem Kirchentief, der hat sich mächtig geschnitten.

Die katholische Kirche braucht keine künstliche Modernisierung, sie braucht das, was Markus Wentink für die Predigt propagiert: einen direkten Bezug zu den Menschen, einen authentischen Auftritt und eine Sprache, die die Menschen verstehen. Das Evangelium, die Worte Jesu sind heute genauso aktuell, berührend und Trost spendend wie vor 2000 Jahren. Jesus ist zu den Menschen gegangen und hat mit ihnen in ihrer Sprache gesprochen. Er hat sie erreicht, weil er ihre Erfahrungen teilen konnte und sie als Mensch und Prediger bei ihrem eigenen Erleben abholte.

Und: Jesus war arm, seine Jünger waren arm, das ganze Christentum fusst auf dem Glauben armer, benachteiligter Menschen. Arm sein kann man aber nicht nur materiell, sondern auch spirituell. Die Kirche muss, vor allem in der Ersten Welt, wieder lernen, sich aller Armen anzunehmen, ihre Sprache zu sprechen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Dann werden wir Armen auch wieder vertrauensvoll in die Arme von Mutter Kirche zurückkehren.

 

 

Weitere Artikel der Kategorie «Impulse»