Der Seelsorger Andreas Zimmermann besuchte die 81-jährige Agnes Trenti in ihrer Alterswohnung in Muri, um mit ihr ihren Lebensspiegel zu erarbeiten. | © Andreas C. Müller

Mit dem «Lebensspiegel» etwas weitergeben

Andreas C. Müller, 4.12.19
  • Schauen Menschen am Lebensende zurück, können sie daraus Kraft schöpfen. Speziell ausgebildete Fachleute, darunter auch Seelsorgende, erarbeiten hierfür gemeinsam mit Menschen, die es wünschen, sogenannte «Lebensspiegel».
  • Horizonte durfte sich ein Bild davon machen, was es bedeutet, einen «Lebensspiegel, zu erstellen. Seelsorger Andreas Zimmermann lud ein, ihn bei dieser Arbeit zu begleiten.

 

Freudig erwartet Agnes Trenti in ihrer Alterswohnung in Muri Spitalsseelsorger Andreas Zimmermann. Er wird mit ihr heute einen «Lebensspiegel» erstellen. Das heisst: Mittels Fragen bringt Andreas Zimmermann die 81-Jährige dazu, aus ihrem Leben zu erzählen und sicher hierbei über Ereignisse und Entwicklungen bewusst zu werden, die für sie wichtig waren und auf die sie stolz ist. Ziel ist es, mittels eines Textes die eigene Lebensleistung zu würdigen und wichtige Erkenntnisse nach eigenem Ermessen den Nachkommen weiterzugeben.

«Meine Töchter sollen ihren Männern nicht folgen»

«Ich will das meinen Kindern und Grosskindern weitergeben», erklärt die gebürtige Südtirolerin gerade heraus und reicht Cappuccino. Dann setzt sie sich zu uns sagt: «Meine Töchter sollen so leben, wie ich es getan habe – Der Herrgott und die Mutter Gottes sind das Wichtigste im Leben». Und nach einer kurzen Pause ergänzt sie lachend: «Und ihren Männern sollen sie nicht blindlinks folgen».

Andreas Zimmermann nimmt mit seinem Smartphone das Gespräch auf. Auf die Frage hin, was für sie am Wichtigsten im Leben war, muss Agnes Trenti nicht lange überlegen: «Die Geburt meiner beiden Kinder. Familie, das ist für mich alles. Ich lebe für meine Kinder und Grosskinder». Und dann der Glaube: «Das hat mir immer geholfen», erklärt die 81-Jährige. Gerade in diesem Jahr, als sie fünf Wochen lang habe im Spital liegen müssen und viermal operiert worden sei. Sie habe schon geglaubt, es sei vorbei. Auch wenn sie noch nicht sterben wolle, ist der aufgeweckten Italienerin bewusst geworden, dass es plötzlich sehr schnell gehen kann. Und als sie dann von ihrem Seelsorger Andreas Zimmermann vom «Lebensspiegel» erfuhr, war für sie klar: «Das möchte ich machen».

Das verschriftlichte Gespräch wird vorgelesen

Eine Woche nach dem Gespräch trifft man sich wieder bei Agnes Trenti zuhause. Andreas Zimmermann hat fünf Seiten Text dabei, die er seiner Gesprächspartnerin vorliest. Diese hat dann die Möglichkeit, korrigierend anzupassen, wenn sie das Gefühl hat, Inhalte seien nicht in ihrem Sinne verstanden worden. Die definitive Fassung wird dann Agnes Trenti ausgehändigt.

Die 81-Jährige hört aufmerksam zu, während Andreas Zimmermann vorliest. Immer wieder nickt sie und sagt: «Ja, das stimmt». Ab und zu lächelt sie. Und zum Ende hin meint sie: «Bravo! Danke vielmals!» «Ist das in Ordnung, wenn da auch schwierige Sachen drin stehen?», fragt der Seelsorger nach. Agnes Trenti überlegt kurz und meint, sie wolle eigentlich nicht, dass etwas Negatives im Text stehe. «Mitunter können Kinder und Grosskinder aber mehr lernen, wenn sie sehen, was im Leben schwierig war», gibt Andreas Zimmermann zu bedenken und meint dann nach einer kurzen Pause:

«Zu dieser Arbeit gehört es, kritisch nachzufragen»

«Ich lasse den Text mal da und komme morgen wieder». So kann sich Agnes Trenti in Ruhe noch Gedanken machen, wie die Endfassung aussehen soll. Entscheiden darf am Ende sie. Kritisch nachfragen und zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben anregen, gehöre aber zum Prozess, erklärt Andreas Zimmermann gegenüber Horizonte. Das empfinde er auch als spannend an der Lebensspiegel-Arbeit. Er werde das sicher weiter machen und habe auch schon zwei weitere Interessentinnen, mit denen er sich bald treffen werde.

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Agnes Trenti mit ihren Wellensittichen. | © Andreas C. Müller
Agnes Trenti
Der Ansatz «Lebensspiegel» geht auf einen neuartigen Ansatz aus Kanada zurück: Harvey Max Chochinow hat unter dem Begriff «Würdezentrierte Therapie» erforscht, dass  sich eigene Wertschätzung am Lebensende steigert, wenn es gelingt, bewusst zu machen, was einem Menschen in seinem Leben geglückt ist. | © Andreas C. Müller
Ein neuer Ansatz aus Kanada

Was ist der «Lebensspiegel»?

Möchte den «Lebensspiegel» als neues Angebot für Menschen am Lebensende im Aargau bekannt machen: Daniela Mustone, Leiterin Fachstelle Palliative Care bei Spitex Aargau | © Andreas C. Müller

Daniela Mustone, Leiterin Fachstelle Palliative Care bei Spitex Aargau, erklärt im Interview mit Horizonte, woher das neue Angebot für Menschen am Lebensende stammt und wie es funktioniert. Der Begriff «Lebensspiegel» geht auf die im Jahre 2016 gegründete Andreas Weber-Stiftung zurück. Die Stiftung fördert Projekte, welche der ganzheitlichen Begleitung und Betreuung von Menschen mit unheilbarer Krankheit dienen. Ein erstes Projekt, in das die Andreas Weber Stiftung investiert, nennt sich «Lebensspiegel». Abgleitet hat sie den Begriff von der würdezentrierten Therapie von Harvey Max Chochinow. Der Therapie-Ansatz des Kanadiers hat zum Ziel, die Würde des Menschen in seiner letzten Lebensphase zu stärken.

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