Eine Granate überraschte Aminas Familie im Schlaf. Obwohl das Mädchen sein Bein verlor, hat es seinen Lebensmut nicht verloren. Caritas unterstützt die Familie mit Hilfsgütern und sorgte dafür, dass Amina eine Prothese bekam, die sich die Familie nicht leisten konnte. | © Alexandra Wey, Caritas

Amina hat den Lebensmut nicht verloren

Anna Haselbach/Caritas Schweiz, 11.4.18
  • In Syrien kämpfen die Menschen ums Überleben, wegen des Krieges fehlt es am Nötigsten. Caritas engagiert sich seit Jahren in der Krisenregion und gibt Hilfsgüter wie Nahrungsmittel, Kleider oder Decken ab.
  • Teils kann Caritas auch auf besondere Weise Unterstützung bieten. Dem sechsjährigen Mädchen Amina, das wegen des Krieges ein Bein verloren hatte, verhalf Caritas zu einer Prothese.
  • Um auch weiterhin unbürokratisch Hilfe leisten zu können, ist Caritas auf Spenden angewiesen (siehe unten)

Auch zu Beginn des achten Kriegsjahrs ist in Syrien kein Ende des Leidens in Sicht. Zwischen Ruinen und als Vertriebene fern ihrer Heimat kämpfen die Menschen ums Überleben. Mit ihren sechs Jahren hat Amina Sulaiman (Name geändert) bereits unvorstellbare Gewalt erlebt. Bei der Caritas findet sie Unterstützung.

Spielem zwischen ausgebrannten Autos

Wild hüpft die aufgeweckte Sechsjährige mit ihren Freundinnen vor ihrem Haus im Osten Aleppos umher und rennt mit den Nachbarsmädchen durch die Strassen. Wären da nicht die Krücken, wären da nicht das ausgebrannte Auto und die Trümmer an jeder Strassenecke – Amina wäre auf den ersten Blick nicht anzumerken, was sie durchgemacht hat. Und wie schwierig ihr Leben immer noch ist.

Familie Sulaiman lebte in einem Dorf in der Nähe von Hama, der Stadt am Orontes zwischen Homs und Aleppo, als das geschah, was Aminas Leben für immer verändern sollte. Amina war damals noch ein Kleinkind. Ihre Mutter erinnert sich an jedes Detail. «Amina schlief, als unser Haus eines Nachts von einer Mörsergranate getroffen wurde. Die Zimmerdecke über ihr stürzte ein. Ich rannte sofort zu Amina. Überall war Blut. Eine riesige Wunde klaffte an ihrem Bein.»

Beinamputation nach Granateneinschlag

Die Ärzte machten Aminas Mutter wenig Hoffnung. «Ich versprach, alles zu verkaufen, was ich hatte, um die Operationen zu bezahlen und das Bein zu retten», sagt sie. Aber es war aussichtslos: Aminas Bein war zu schwer verletzt. Es musste amputiert werden. Eine schwere Zeit brach an für das tapfere Mädchen. «Lange Zeit begann das Bein jedes Mal zu bluten, wenn Amina sich bewegte», erzählt die Mutter.

Auf Aminas Mutter lastete die Verantwortung schwer. Sie zieht ihre fünf Kinder und eine Stieftochter grösstenteils alleine gross – und sie tat, was sie konnte, um Aminas Leben angenehmer zu machen. Unermüdlich kämpfte sie dafür, dass ihre Tochter trotz des Verlusts ihres Beines eine möglichst normale Kindheit haben konnte. Doch das, was Amina, noch im Wachstum, am meisten geholfen hätte – eine Prothese –, konnte sich die Familie nicht leisten. Zudem quälte sie jeden Tag die Angst vor der nächsten Granate. So floh die Familie aus ihrem Dorf und zog nach Aleppo.

Aleppo: Ein Leben in Ruinen

Als Amina mit ihren Eltern in Aleppo ankam, tobten dort intensive Auseinandersetzungen. «Jeden Tag starben die Menschen um uns herum. Wir haben uns hinter der Toilette versteckt und unter den Treppen», erzählt eine Nachbarin. Wer geblieben ist, hat unsagbares Leid und Verlust erlitten. Ein Drittel der Menschen hier haben Familienmitglieder an den Krieg verloren.

Schon vor dem Krieg war Ard al-Hamra, wo Amina mit ihrer Familie unterkam, kein reiches Quartier. «Die Menschen hier führten ein einfaches, aber würdevolles Leben», erzählt Magi Tabbakh, die das Caritas-Programm im Quartier koordiniert. Als Familie Sulaiman in Ard al-Hamra ankam, hatte der Krieg dem längst ein Ende bereitet. Die meisten der einfachen Steinhäuser waren schwer beschädigt, einzelne lagen komplett in Ruinen. Raketen machten mehrere Häuserzeilen dem Erdboden gleich. Die Wasser- und Stromversorgung blieb lange Zeit komplett zusammengebrochen. Wasser zumindest gibt es zwar heute wieder. Wegen der kaputten Leitungen versickert es allerdings vielerorts zwischen den Trümmern oder in der Erde der unbefestigten Strassen.

Eine Prothese dank Caritas

Jeden Tag stehen die Familien vor der Herausforderung, genug Nahrungsmittel zu beschaffen. Auch Amina und ihrer Familie fehlt es an vielem. «Das Leben ist schwierig», sagt ihre Mutter, «alles ist so teuer.» Seit dem Ausbruch des Kriegs haben sich die Preise im Schnitt verzehnfacht. Von der Caritas erhält Familie Sulaiman regelmässig Hilfsgüter wie Nahrungsmittel, Kleider, Decken oder Windeln für Aminas jüngere Geschwister. Und dank der Caritas erhielt Amina auch die lang ersehnte Holzprothese.» Dafür ist sie sehr dankbar. Und Amina geniesst nicht nur ihre wiedergewonnene Freiheit. «Sie ist übermütiger geworden», meint ihre Mutter: «Mittlerweile meint sie, sie müsse ja nicht mehr gehorchen, wenn sie jetzt zwei Beine habe.»

Aminas Familie träumt davon, mit ihrer Familie in ihr Dorf Hama zurückzukehren – zurück zu Aminas Grosseltern, zurück in ihre Heimat. «Die Menschen in Aleppo sind gut zu uns. Aber Hama ist unser Zuhause. Im Moment ist jedoch an Rückkehr nicht zu denken. Die Sicherheitslage erlaubt es nicht.» Und was wünscht sich Amina? Das Mädchen, das so gerne zeichnet, denkt weit voraus. «Ich möchte später Ärztin werden – am liebsten Spezialistin für die Beine.»

Nur dank Spenden kann Caritas helfen

Um weiterhin Menschen wie Amina und ihrer Familie in Syrien helfen zu können, ist Caritas auf Spenden angewiesen.  Gerne hofft das Hilfswerk auf Zuwendungen direkt auf das Konto von Caritas Schweiz: 60-7000-4 (Vermerk: Syrien).

www.caritas.ch/syrien

 

 

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