Im Rahmen der aktuellen Kirchturmsanierung  öffnete das Kloster Fahr nach 50 Jahren seine Zeitkapsel. Für die geladenen Medienvertreter führte die Reise bis in die Zeit der Französischen Revolution, als das Kloster angegriffen wurde.  | © Roger Wehrli

Per Zeitkapsel in die Klostervergangenheit

Kloster Fahr öffnet Turmkugel für Medienvertreter

Andreas C. Müller, 11.8.17

Im Rahmen der aktuellen Kirchturmsanierung samt Turmkreuz öffnete das Kloster Fahr nach 50 Jahren seine Zeitkapsel. Es erwartete die geladenen Medienvertreter eine spannende Reise in die Vergangenheit – bis zurück in die Zeit der französischen Revolution.

Priorin Irene Gassmann hatte geladen, und die Medienvertreter erschienen zahlreich: Unter anderem wollten sich neben Horizonte auch Schweizer Radio und Fernsehen, die Aargauer Zeitung, die Limmattaler Zeitung sowie Tele Züri den besonderen Anlass nicht entgehen lassen, dem der magische Hauch einer Zeitreise anhaftete. Gleichzeitig kokettierte das Unterfangen auch mit Erinnerungen an Kindertage, an denen man ein Kinderüberraschungsei in der Hand hielt und sich gespannt daran machte, den darin verborgen «Schatz» ans Licht zu befördern.

Ein ganz besonderes Überraschungsei

Am gestrigen Donnerstag, den 10. August 2017, holten die Fahrer Schwestern ein ganz besonderes Überraschungsei von ihrem Kirchturm. Die Turmkugel – auch Zeitkapsel genannt. Darin, so Denkmalpflegerin Isabel Haupt, befinden sich gemäss alter Tradition jeweils Dokumente aus vergangener Zeit. Bei der Erbauung der Kirche, aber auch bei jeder Renovation derselben wurden demnach Dokumente beigegeben. Zwar gehe die Geschichte des Benediktinerinnenklosters bis ins 12. ahrhundert zurück, «der Turm der heute noch existierenden Kirche wurde jedoch erst 1689 -1696 erbaut», erklärte Isabel Haupt von der Denkmalpflege Aargau den Anwesenden. «Gut möglich also, dass das älteste in der Kugel befindliche Dokument aus dem späten 17. Jahrhundert stammt und sich Beigaben von 1965 in der Kugel befinden, als der Kirchturm zum letzten Mal restauriert wurde.»

Gespannt verfolgten die anwesenden Medienschaffenden, wie das schwere Turmkreuz samt Kugel und Windspiel per Flaschenzug zu Boden gelassen wurde. Priorin Irene Gassmann nahm die Turmkugel in Empfang. An einem Tisch unter dem Vordach der Scheune wurden die Dokumente gesichtet.

Ferien auf dem Mond? Eigene Flugzeuge?

Wie vermutet beinhaltete die Kugel einen Zeitzeugen aus dem Jahre 1965 – einen auf edlem Pergamentpapier handschriftlich verfassten Brief, der Einblick in die damalige Situation der Schwesterngemeinschaft bot. Man habe die neue Bäuerinnenschule bezogen, «die grossen Anklang gefunden hat», las Priorin Irene Gassmann den Anwesenden vor. Zudem floriere die Paramentenwerkstatt: 50 Messgewänder seien bestellt. Und: «Wir haben zu wenig Platz, um alle Kandidatinnen ins Kloster aufnehmen zu können», schreibt Pater Illarius, seinerzeit als Propst vom Kloster Einsiedeln eingesetzt.

Wie hat sich doch alles verändert. Zwar leben noch immer 20 Schwestern im Fahr (gemäss einem ebenfalls der Kugel entnommenen Verzeichnis von 1890 waren es damals 23), doch die Fahrer Benediktinerinnen sind allesamt in die Jahre gekommen und kämpfen mit Nachwuchssorgen. Die allseits beliebte Bäuerinnenschule haben die Schwestern 2013 geschlossen, die Leitung der Paramentenwerkstatt an eine externe Fachkraft übergeben. «Alle sind verrückt nach Technik», zitiert Priorin Irene Gassmann Propst Illarius weiter. «Zurzeit kreisen zwei Gemini-Kapseln um die Erde: Werdet ihr, die ihr in ein paar Jahrzehnten die Kugel öffnet, vielleicht schon Ferien auf dem Mond machen? Habt ihr eigene Flugzeuge anstelle von Autos?»

Mit Kanonen gegen das Kloster

Von den insgesamt acht Dokumenten, die Priorin Irene Gassmann dem Plastiksack einer rostigen Metallbox entnahm, die sich in der Kugel befand, beeindruckte vor allem ein handgeschriebener Brief aus dem Jahre 1804. Pater Thomas, der als Vertreter des Klosters Einsiedeln anwesend war, konnte die alte deutsche Schreibschrift entziffern und las vor.

Man habe gelobt, jeden Herbst ein Hochamt mit allem Drum und Dran zu feiern – als Dank für die wundersame Errettung aus höchster Not, so Dietland Kälin in seinem Schreiben. Der damalige Propst schildert in treffenden Bildern, wie 1799 eine französische Armee von 40 000 Mann auf der Schlierer Allmend sich entschloss, «mit voller Wucht auf unser Gotteshaus zu feuern. Ungeachtet aller Feuerkraft legten sich die Kugeln allerdings wie zahme Lämmer vor unsere Füsse.» Gleichwohl hätten alle geglaubt, nun habe das letzte Stündlein geschlagen. In Erwartung des sicheren Todes wurde Eucharistie gefeiert, heisst es in dem Brief weiter. Die Franzosen plünderten das Kloster einen Tag lang. Doch wie durch ein Wunder wurde niemand getötet.

Legende vom Eingreifen des Heiligen Mauritius

Einige Kanonenkugeln von jenem Angriff habe das Kloster noch aufbewahrt, weiss Schwester Marie-Therese und ergänzt gegenüber Horizonte: Die Franzosen hätten die Schwestern wohl in Ruhe gelassen, weil während des Angriffs für viele sichtbar der Heilige Mauritius die Klostermauern unerschrocken abgeschritten habe.

Ende September dürfte die Fahrer Turmkugel wieder an die Kirchturmspitze zurückkehren – ergänzt mit zusätzlichen Dokumenten aus der Gegenwart. Was es genau sein wird, wollte Priorin Irene Gassmann nicht verraten: «Das soll eine Überraschung sein für die, die das nächste Mal die Kugel öffnen. Wäre doch schade, wenn man im Vornherein googeln könnte, was wir hinzugefügt haben.»

 

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