Menschen mit eingeschränkter Mobilität werden für die Interdiözesane Lourdeswallfahrt zuhause abgeholt und rumdum betreut. So auch Cesira Bruna Wehrli Corradini aus Rothrist. Horizonte begleitete die 75-Jährige vom Pflegezentrum bis zu den Sicherheitskontrollen am Flughafen. | © Werner Rolli

Rundum betreut nach Lourdes und wieder zurück

Andreas C. Müller, 16.4.18
  • Schon seit über 130 Jahren pilgern Schweizerinnen und Schweizer im Rahmen der Interdiözesanen Lourdeswallfahrt an den bekannten Pilgerort in den französischen Pyrenäen. Auch dieses Jahr sind seit dem 13. April wieder 1570 Pilger unterwegs, darunter 195 Personen mit eingeschränkter Mobilität, die vollumfänglich betreut werden müssen. Letztere werden sogar zuhause abgeholt und geniessen in Lourdes im «Accueil» eine fachgerechte Betreuung durch Fachpersonal und freiwillige Helferinnen und Helfer.
  • Mit fünf Charterflugzeugen, drei Reisecars und einem Extrazug reisen die Pilger jeweils an. Dieses Jahr musste der Extrazug wegen des Streiks in Frankreich ad hoc durch acht zusätzliche Busse ersetzt werden.
  • Horizonte besuchte am 13. April Cesira Bruna Wehrli Corradini im Pflegezentrum Luegenacher in Rothrist und begleitete sie zum Flughafen. Es wartete ein spannender Einblick in die perfekt organisierte Personenlogistik des Lourdespilgervereins.

 

Rothrist, 13. April, 9.30 Uhr: Cesira Bruna Wehrli Corradini sitzt unaufgeregt in ihrem Stuhl im vierten Stock in einem Zimmer des Pflegezentrums Luegenacher. Die 75-Jährige ist parat für die Interdiözesane Lourdespilgerfahrt und soll um 10.15 Uhr abgeholt werden. Sogar den Pin mit dem Wallfahrtslogo hat sie schon an ihrer Bluse befestigt. Nervös sei sie gestern gewesen, erklärt die gebürtige Baslerin. Mit dem Packen sei es nicht so vorwärts gegangen wie erhofft. Aber nun sei alles gut.

Lourdeswasser gegen die Schmerzen im Arm

Seit 2004 fährt Cesira Bruna Wehrli Corradini jedes Jahr nach Lourdes. Im Zimmer hat sie noch fast leere Plastikkanister und Flaschen mit Lourdeswasser. Der Vorrat hat ein Jahr gereicht. «Ich habe eine Prothese in der Schulter», erklärt sie. «Wenn der Arm schmerzt, reibe ich Lourdeswasser ein.»

Im Zimmer der langjährigen Berufstaxifahrerin hängt ein Kreuz über dem Bett, neben dem Fernseher stehen elektrische Grabkerzen bei Porträts von verstorbenen Familienmitgliedern und Bildchen von Padre Pio. Der Vater sei «ehemaliger Italiener» gewesen, meint Cesira Bruna Wehrli Corradini schmunzelnd. «Er hat immer gesagt, er sei Schweizer». Ihren Mann hat die 75-Jährige bereits verloren, doch sie erhält bei den Vorbereitungen fürs alljährliche Lourdesabenteuer umfassende Unterstützung von Seiten der Betreuerinnen des Pflegezentrums. Und abgeholt wird sie von einem Bus des Lourdespilgervereins. Für betagte und kranke Menschen organisiert die Interdiözesane Lourdespilgerfahrt jeweils einen betreuten Abholservice zum Flughafen.

Als es gegen zehn Uhr geht, kommt eine Pflegefachkraft mit dem Rollstuhl: «So, Frau Wehrli, jetzt bringen wir Sie mal nach unten, Sie werden ja bald abgeholt.»Vor dem Zimmer steht ein Koffer – wie der Rollstuhl etikettiert für die grosse Reise. Der Rollstuhl ist für Cesira Bruna Wehrli Corradini eine wichtige Entlastung. Der Kreislauf macht seit einiger Zeit nicht mehr so mit, in der Alterswohnung sei sie im vergangenen Jahr mehrmals gestürzt, erklärt sie. Aus diesem Grund habe sie auf Anfang dieses Jahres ins Pflegezentrum gewechselt. «Ich könnte schon mit dem Rollator, aber ich bin ein klein wenig faul geworden, meint sie schelmisch.

Betreuung rund um die Uhr gewährleistet

Das Personal verabschiedet sich im Café beim Eingang herzlich von der Bewohnerin. Man hängt ihr noch die Handtasche mit allen wichtigen Dokumenten um. «Ich bleibe am besten grad dort», neckt die ältere Dame ihre Betreuerinnen. «Da würde uns aber etwas fehlen», entgegnet eine. «Ja, eine, die immer eine dumme Schnuure hat», meint Cesira Bruna Wehrli Corradini und lacht.

Als es gegen 10.15 Uhr zugeht, wird die ältere Dame langsam unruhig. «Der Bus müsste jetzt eigentlich kommen», meint Cesira Bruna Wehrli Corradini und blickt immer wieder auf die Uhr. Dann kontrolliert sie ihre Tasche, ob auch alle wichtigen Dokumente wirklich eingepackt sind. Vor 14 Jahren hat sie das Wallfahrtsfieber nach Lourdes gepackt. Zu Beginn sei sie noch mit Bekannten im Auto angereist.

Mittlerweile geniesse sie den Rundumservice. Im «Accueil», wo Kranke und Menschen mit eingeschränkter Mobilität in Lourdes unterkommen, erhalten sie von professionellem Personal dieselbe Unterstützung, wie sie es zuhause gewohnt sind. Für das intensive Wallfahrtsprogramm – bestehend aus Prozessionen, Gottesdiensten, Gebeten und verschiedenen anderen Unternehmungen darf die Pilgerin aus Rothrist auf die Untersützung der freiwilligen Helferinnen und Helfer zählen, die zusammen mit den Pilgern anreisen. «Die begleiten mich auch, wenn ich in einem der Souvenirshops mal Kerzen kaufen möchte», freut sich Cesira Bruna Wehrli Corradini.

Auch Junge nehmen Ferien, um in Lourdes zu helfen

10.20 Uhr: Endlich, der Bus kommt. Chauffeur Freddy Gosso betritt das Pflegezentrum, begrüsst die wartende Pilgerin und entschuldigt sich für die Verspätung. Man habe jedoch genügend Zeit. Eine letzte Pilgerin müsse noch in Reiden abgeholt werden: Frau Olga Grubenmann, 79 Jahre alt. Es ist ihre erste Wallfahrt nach Lourdes.

Die Fahrt zum Flughafen verläuft ohne Zwischenfälle, der Verkehr geht flüssig durch das Nadelöhr am Gubrist. Um halb zwölf fährt der Bus vor der Check in-Halle für den Abflug vor. Bei den Aussteigegelegenheiten für die Busse warten bereits Helfer mit gelben Westen, welche die Reisenden in Empfang nehmen. Mit Holzlatten werden die Koffer seitlich der Griffe der Rollstühle fixiert und können so ganz praktisch mit den einzelnen Personen mitgeführt werden.

Insgesamt 1570 Pilgerinnen und Pilger  starten nach Lourdes. Fast auf jeden Passagier mit eingeschränkter Mobilität kommt eine Begleitperson. Insgesamt 417 Freiwillige reisen nach Lourdes, ein Grossteil von Ihnen bereits vor der Anreise der Pilgerinnen und Pilger. Unter den Helferinnen und Helfern findet man Personen jeden Alters, auch einige junge Menschen wie beispielsweise Carmen Bitterli aus Sachseln. Über ihren Vater sei sie auf dieses freiwillige Engagement aufmerksam geworden, erklärt die 19-Jährige. Dieses Jahr hilft sie zum erstem Mal selbst mit und hat für die Reise nach Lourdes eine Woche Ferien genommen. Just zum 20. Mal fliegt Rosemarie Renggli bereits als Betreuerin mit nach Lourdes. Gebete zur Heiligen Bernadette hatten ihr vor zwanzig Jahren durch die Schwangerschaft mit ihrer jüngsten Tochter geholfen. Diese trägt den Namen Bernadette.

Der Flughafen unterstützt die Pilger bei der Abfertigung

In der Abflughalle koordiniert Pius Arnold den Einsatz seiner Helferinnen und Helfer. Alles wirkt routiniert und entspannt. Zum Warten sind eigens bestimmte Areale in der Flughafenhalle abgesperrt worden. Dort können die in ihrer Mobilität eingeschränkten Personen verweilen, während sich Helferinnen und Helfer ums Einchecken und die Aufgabe des Gepäcks kümmern.

Für die Abfertigung der Pilgerinnen und Pilger arbeitet der Lourdesverein eng mit der Flughafen Zürich AG zusammen. Die Beförderung von derart vielen Personen mit eingeschränkter Mobilität bedeutet eine grosse Herausforderung, bei der es in der Vergangenheit immer wieder zu Verzögerungen gekommen war, so Irina Kaufmann, die von Seiten der Zürich Flughafen AG vor Ort Pius Arnold zur Seite steht. «Um das zu verbessern, haben wir mit einem Auftrag an die Firma Careport zusätzliche professionelle Helfer mobilisiert, welche die Lourdespilger und deren Betreuerinnen und Betreuer durch den Check-in und die Sicherheitskontrollen bringen.

Menschen in finanziellen Engpässen profitieren von Spenden

Derweil freuen sich die Pilgerinnen und Pilger auf den Flug. Viele könnten sich die Reise und die Rundumversorgung gar nicht leisten. Die lokalen Lourdespilgervereine sowie auch der Verein Interdiözesane Lourdeswallfahrt hilft in solchen Fällen unbürokratisch mit Spenden aus. Auch Cesira Bruna Wehrli Corradini profitiert. Rund 1000 Franken kostet ihre Reise. Ein supergünstiges Angebot, das nur dank dem Einsatz der vielen Freiwilligen möglich ist. Zusätzlich erhält die Aargauerin 400 Franken Zustupf vom Lourdespilgerverein.

Um 12.15 Uhr kommt das Personal der Firma Careport – gut erkennbar an speziellen Westen. Über einen speziellen Zugang werden die in ihrer Mobilität eingeschränkten Personen direkt zu den Sicherheitskontrollen gebracht. Das Abenteuer kann beginnen.

 

Interdiözesane Lourdeswallfahrt

Vom 13. -19. April 2018 reisen gegen 2’000 Personen im Rahmen der Interdiözesanen Lourdeswallfahrt in die Pyrenäen. Unter ihnen befinden sich 417 freiwillige Helferinnen und Helfer. Die grosse Wallfahrt findet jedes Jahr steht und wird jeweils auch von Mitgliedern der Schweizer Bischofskonferenz begleitet. Für den Transport werden fünf Flugzeuge, drei Reisecars und ein Extrazug bereitgestellt. Letzterer musste wegen eines Streiks in Frankreich kurzfristig mit acht zusätzlichen Bussen ersetzt werden.

www.lourdes.ch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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