13.08.2013

Wandlungskraft der Tischgemeinschaft

Von Horizonte Aargau

Vor fast zwanzig Jahren begründete die Gruppe «Frauenperspektive» das ökumenische FrauenKirchenFest im Aargau. Das diesjährige Fest wird als erstes Schweizer Frauenmahl in Lenzburg gefeiert. Susanne Andrea Birke von der Frauenstelle der Fachstelle Bildung mobil in Wettingen ist seit mittlerweile zehn Jahren mit dabei. Ein Gespräch über das Schweizer Frauenmahl und spezielle Anlässe für Frauen.

Das ökumenische FrauenKirchenFest Aargau wird dieses Jahr als erstes Schweizer Frauenmahl durchgeführt. Wie kam es dazu?
Susanne Andrea Birke:
In der Frauenperspektive wechselt immer wieder die Besetzung, und dieses Jahr hatten wir Lust, etwas Neues auszuprobieren. Es kam die Idee auf, das Frauenkirchenfest als Frauenmahl durchzuführen, angelehnt an das Frauenmahl in Marburg in Deutschland. Seit 2011 wird das Frauenmahl im Rahmen der Reformationsdekade an verschiedenen Orten in Deutschland und Österreich durchgeführt. Wir veranstalten in Lenzburg das erste Schweizer Frauenmahl. Ein weiterer Grund war, dass das Essen ein Teil war, der bei den letzten Frauenkirchenfesten immer ein bisschen zu kurz kam, weil das Programm sehr dicht war.

Wie genau muss man sich ein solches Frauenmahl vorstellen?
Es geht darum, ein festliches Essen zu organisieren mit allem was dazu gehört und dann Rednerinnen einzuladen. Neben musikalischer Untermalung gibt es Sequenzen mit Tischreden und im Anschluss daran Zeit, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Der Austausch über das Gehörte ist ein ganz wichtiges Element des Frauenmahls. Es geht darum eigene Gedanken weiterzuentwickeln, Anregungen mitzunehmen.

Wie wird das Frauenmahl thematisch gestaltet?
In Deutschland beziehen sich die Organisatorinnen ganz klar auf die lutherische Tradition der Tischrede. Ich denke, es ist grundsätzlich wichtig, Frauen zu Wort kommen zu lassen. Gerade wenn es um die Perspektiven von Zukunft und Religion geht. Frauen werden immer noch zu wenig gehört. Im Vorbereitungsteam haben wir uns entschieden, einen thematischen Schwerpunkt zu setzen. Wenn wir schon ein Mahl machen, stellen wir auch das Essen in den Mittelpunkt.

Besteht Kontakt mit den Frauen in Marburg?
Wir haben Kontakt aufgenommen, um unser Frauenmahl in diesen grösseren Rahmen zu stellen. Ich denke, das gibt dem eine eigene Kraft. Mittlerweile haben insgesamt fast 2000 Frauen an einem solchen Mahl teilgenommen. Um die Anliegen zu stützen, ist es wichtig, gemeinsam aufzutreten. Eine Vernetzung in der Frauenkirchenbewegung, gerade auch eine Internationale, birgt eine eigene Kraft. Und es war mir wichtig, die zu nutzen. Es ist schön, dass die Reden unserer Rednerinnen dann auf die Homepage hochgeladen werden, so dass man sie dort nachlesen kann.

Wie präsent ist das Frauenkirchenfest in der Öffentlichkeit?
Wir haben sicher nicht mehr die gleiche Öffentlichkeitswirksamkeit wie zu Beginn. Wir haben unsere Kreise, in denen wir werben. Das FrauenKirchenFest hat im Jahre 2009 zusammen mit dem Kloster St. Martin in Hermetschwil den Sanitas-Frauenpreis verliehen bekommen. Das strahlt natürlich nach aussen. Als Rednerinnen wurden bewusst nicht nur Kirchenfrauen eingeladen, sondern auch Beatrice Burgherr von Helvetas, die Kuratorin der Ausstellung «Wir essen die Welt» im Naturama Aarau. Wir wollen damit auch Frauen ansprechen, die sich vielleicht bisher für andere Sachen interessiert haben. Es ist aber vielleicht auch eine Altersfrage, denn es sind viele Kirchenfrauen einer bestimmten Generation, die kommen.

Sind Frauenthemen in der Kirche grundsätzlich eine Generationenfrage?
Nicht grundsätzlich. Wenn ich aber sehe, wer Theologie studiert, habe ich den Eindruck, ich gehöre mit zu den Letzten einer Generation, die sich trotz einer sehr hierarchiekritischen Haltung für ein Theologiestudium entschieden hat. Es gibt sicher die Tendenz, dass diese Themen ein Stück zurückgegangen sind. Aber nicht unbedingt an der Basis. Wenn ich zum Beispiel die Katechetinnen in der Ausbildung erlebe, habe ich den Eindruck, dass für sie Frauenthemen ganz klar zur Ausbildung gehören.

Aber welche Generation ist das? Wie jung sind diese Frauen?
Gemischt. Auch jünger als ich. Wobei die Frage nach den Jungen in der Kirche eine generelle ist. Die jungen Erwachsenen sind insgesamt wenig präsent. Und das betrifft nicht nur die Frauen, auch die Männer. Aber es gibt bei den jüngeren Frauen mittlerweile vielleicht schon eine andere Art, die Themen zu behandeln. Ich habe das Gefühl, dass sie vieles mit einer grösseren Selbstverständlichkeit angehen.

Franziskus sagt, die Tür zum Frauenpriestertum ist zu. Gleichzeitig spricht er davon, dass eine Theologie der Frau stärker gefördert werden müsse. Wird sich etwas verändern?
Wenn ich «von unten» her schaue, denke ich, dass es noch sehr, sehr viel brauchen wird. Franziskus ist nicht weniger konservativ, aber klar zugänglicher und offener. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass er sich noch mehr öffnet mit der Zeit. Er spricht von sich immer als Bischof von Rom. Das macht mir Hoffnung, dass eine stärkere Regionalisierung möglich wird, und da hätten wir dann in der Schweiz gute Karten, Sachen noch anders anzupacken, als wir es eh schon machen. Für mich hat das schweizerische Kirchenmodell Vorbildfunktion in der Weltkirche. Ich denke, dass dem, was an der Basis ja schon «da ist», mehr Raum gegeben werden sollte, damit es eine andere Selbstverständlichkeit bekommen kann.

Die Auseinandersetzungen zwischen der Basis und den hierarchisch höheren Ebenen sind in der Schweiz im Rahmen der Pfarrei-Initiative erneut Thema geworden. Wie wird die Initiative von Seiten der Frauenperspektive wahrgenommen?
Ich bin mit dabei. Nicht von Anfang an, aber ich bin angefragt worden, ob ich mitwirken will. Ich kann natürlich nur von mir persönlich sprechen, aber ich finde es eine sehr wichtige Initiative, gerade auch weil sie international ausstrahlt. Ich finde es wichtig, sich einzuklinken und dranzubleiben. In der katholischen Kirche kommen wir mit unserer typischen Haltung «Gutes tun und darüber schweigen» nicht weiter. Wir müssen offensiv werden, wenn wir nicht bestimmten Bischöfen das Feld überlassen wollen, bis niemand mehr in der Kirche ist ausser deren Anhängern. Deshalb ist es ganz wichtig, dass es etwas wie die Pfarrei-Initiative gibt. Dort wird deutlich: katholisch sein ist nicht einfach verbohrt, verstockt oder konservativ, sondern kann auch ganz anders daher kommen.

Die Reaktionen der Basis auf die Pfarreiinitiative sind mehrheitlich positiv. Die Bischöfe ihrerseits reagieren sehr unterschiedlich. Wie ist damit umzugehen?
Ich sehe es als Chance, dass ihre Reaktionen nicht einen einheitlichen Block bilden. Ausserdem ist es für mich schon ein Schritt zur Veränderung hin, dass es möglich war, die Initiative so weit zu bringen, ohne dass es – zumindest für einen Teil derer, die mitgemacht haben – zu irgendwelche Sanktionen kam – das ist für mich schon ein Schritt zur Veränderung hin. Aus der Position des Schweigens rauszugehen. Ich bin optimistisch.

Ein «Ertrag» der FrauenKirchenFeste waren die Frauenstellen. Gibt es weitere «Früchte»?
Es war tatsächlich so, dass das erste Frauenkirchenfest wie eine Initialzündung zur Schaffung der beiden kirchlichen Frauenstellen war. Mittlerweile ist es eher ein Anlass zum Auftanken. Es ist jetzt nicht mehr so, dass vom Frauenkirchenfest direkt Initiativen ausgehen. Das geschieht dann unabhängig davon.

Was ist ein möglicher Impuls, wenn das FrauenKirchenFest als Frauenmahl durchgeführt wird?
Die deutschen Begründerinnen vom Frauenmahl sagen bewusst: «wir sind kein Abendmahl». Wir wollen aber doch etwas provokativ sein und greifen genau das Thema Mahl bewusst aus Frauenperspektive auf. Gerade die Rednerin Luzia Sutter Rehmann ist da sehr spannend. Sie hat zur Mahlthematik im Neuen Testament gearbeitet und spricht von der «Transformationskraft des Tisches». Mahl und Wandel gehören in der Bibel zusammen. Das zeigt sich auch in den biblischen Geschichten aus dem Neuen Testament: die phönizische Frau, die Salbung oder der Zöllner. Jedes Mal kommt etwas in Bewegung. Die Tischgemeinschaften damals bewirkten konkret greifbaren Wandel. Diese Wandlung wäre für mich das eigentliche Zentrum unserer Gottesdienste heute – eine Veränderung, die über den Kirchenraum hinaus ausstrahlt. Die Tischreden sind für mich Impulse, die jede, die sich angesprochen fühlt, an ihrem Lebens- und Wirkensort aufgreifen kann.

Das heisst, das Frauenmahl soll Wandlungskraft für die Frauen geben?
Die frühchristlichen Tischgemeinschaften standen immer ein bisschen unter Verdacht, weil sie Normen brachen. Es gab immer verschiedenste Tischgemeinschaften von Vereinen oder religiösen Gemeinschaften. In der Regel waren es homogene Gemeinschaften. Die Gemeinschaften der frühen Christen waren hingegen sehr heterogen, versammelten Menschen aus allen Schichten. Ausserdem hatten sie den Anspruch, wirklich zu teilen – egal wie viel jeder mitgebracht hatte. Bei anderen Gemeinschaften durfte jeder genau das essen, was er mitgebracht hatte. Das ist von der römischen Gesellschaft sehr kritisch beäugt worden. Weil da gesellschaftliches Wandlungspotential drin steckte. Viele Frauen am FrauenKirchenFest arbeiten auch am Wandel. Ich freue mich, wenn sie dazu etwas vom Frauenmahl mitnehmen können.

Anne Jablonowski

www.frauenmahl.de

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