Ueli Mäder ist Soziologe und emeritierter Professor der Universität Basel. | © Monika Heid

«Über acht Prozent der Schweizer sind arm»

Christian Breitschmid, 13.1.20
  • Am 25. und 26. Januar wird in den Gottesdiensten die Kollekte erhoben zugunsten Armutsbetroffener in der Schweiz. Das Motto des Caritas-Sonntags 2020 lautet: «Armut macht krank – Krankheit macht arm». Traurige Realität – auch in der reichen Schweiz.
  • Der Soziologe Ueli Mäder erklärt im Horizonte-Interview den Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit, wie es dazu kommt und was man dagegen tun könnte.
  • Der emeritierte Professor der Universität Basel spricht Klartext: «Geld ist in der Schweiz genug vorhanden, um alle Menschen materiell zu sichern. Aber dazu fehlt der politische Wille.»

 

Herr Mäder, die Caritas sammelt am 25./26. Januar für Armutsbetroffene in der Schweiz unter dem Motto «Armut macht krank – Krankheit macht arm». Wann gilt ein Mensch in der Schweiz als «arm»?
Ueli Mäder: Armut ist ein Mangel an sozialer Sicherheit und Teilhabe. Menschen, die ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigen können, sind arm. Bei einer vierköpfigen Familie nimmt das Bundesamt für Statistik einen finanziellen Bedarf von rund 4’000 Franken an. Wenn eine Einzelperson nach Abzug der Ausgaben für Miete und Gesundheit über weniger als 1’000 Franken verfügt, hat sie bei uns Anspruch auf Sozialhilfe. In der Schweiz gelten offiziell über acht Prozent der ständigen Wohnbevölkerung als arm. Das sind etwa 700’000 Personen. Je nachdem, wie wir Armut definieren, ändert sich die Zahl der Betroffenen.

Was läuft falsch im Schweizer Sozialsystem, dass es in so einem reichen Land arme Menschen gibt?
Die Schweiz ist ein sehr reiches Land. Geld ist genug vorhanden, um alle Menschen materiell zu sichern. Aber dazu fehlt der politische Wille. Das System der sozialen Sicherung steht zwar relativ gut da. Es geht allerdings von normierten Biografien aus, die immer weniger zutreffen. So geraten besonders Alleinstehende, Alleinerziehende und Erwerbslose in Bedrängnis. Hinzu kommen Sparversuche bei der Arbeitslosen- und Invalidenversicherung. Sie erhöhen den Druck auf die Sozialhilfe, die mit weniger Mitteln mehr Leistungen erbringen soll.

Dass Armut krank macht, ist nachvollziehbar. Aber dass Krankheit auch arm macht, das ist schwer erklärbar in einem Land, wo doch alle Menschen obligatorisch krankenversichert sind. Welche Mechanismen spielen da eine Rolle?
Ja, Armut macht krank und Krankheit macht arm. So lautete bereits eine Folgerung unserer Basler Armutsstudie von 1991. Sie ist leider immer noch aktuell. Bei niedrigen Einkommen steigen die gesundheitlichen Probleme. Und die Lebenserwartung sinkt. Umgekehrt gilt: Wer erkrankt, hat weniger Energie und höhere Auslagen. Hilfreich sind dann die Prämienzuschüsse. Sie hinken aber den steigenden Kosten hinterher. Und die Krankenversicherung deckt nicht alle Risiken ab. Sie vernachlässigt zum Beispiel psychische Belastungen.

Heisst das im Umkehrschluss, dass sich tatsächlich nur reiche Menschen unser Gesundheitssystem leisten können?
Unser Gesundheitssystem hat einen hohen Standard und dient uns allen. Die Finanzierung ist jedoch stark privatisiert. Die Kopfprämien wälzen erhebliche Kosten auf das Gros der Bevölkerung ab. Davon profitieren viele Reiche, die sich ohnehin Zusatzversicherungen und Sonderleistungen erlauben können.

Wie müsste ein Gesundheitssystem aufgebaut sein, das wirklich alle Einkommensschichten abdeckt?
Wir geben in der Schweiz gut zwölf Prozent unseres Inlandproduktes für die Gesundheit aus. Das ist wohl angemessen. Wir sollten jedoch die Prämien auf die Einkommen abstimmen und die staatliche Finanzierung stärken. So entlasten wir einfache Haushalte. Wenn wir zudem mehr für die Gesundheit tun, einfacher leben und die Umwelt schonen, dann sparen und gewinnen wir viel. Wir fördern die Gesundheit auch, wenn wir die unteren Löhne anheben und die soziale Sicherheit ausbauen.

Wie wäre ein solches System finanzierbar?
Der jetzige Anteil, der über progressive Steuern finanziert wird, ist relativ tief. Er liegt unter einem Fünftel der Kosten und liesse sich anheben. Wenn wir ferner die Ergänzungsleistungen für AHV- und IV-Beziehende auf alle Familien ausweiten, dann verbessern wir die Perspektive vieler Kinder. Das würde zwar etwa drei Milliarden Franken kosten, aber die Finanzierung indirekt unterstützen. Denn soziale Ausgaben sind überaus nützlich. Wir sind bloss etwas blind dafür.

Mit den Kollektengeldern des Caritas-Sonntags kann man sicher einigen von Armut und Krankheit Betroffenen unter die Arme greifen. Doch damit werden Symptome, keine Ursachen bekämpft. Wo müsste man aus Ihrer Sicht ansetzen, um Menschen vor der Abwärtsspirale Armut/Krankheit oder Krankheit/Armut zu bewahren?
Die Caritas will mehr Gerechtigkeit. Das ist wichtig. Wer auf die strukturelle Umverteilung wartet, muss allerdings lange warten. Darum sind auch kleine Anstrengungen nötig. Wenn die Caritas beispielsweise kulturelle Aktivitäten benachteiligter Kinder und Jugendlicher ermöglicht, fördert sie die soziale Teilhabe. Mit ihren Publikationen stützt die Caritas auch vielen Einzelpersonen den Rücken, die sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt engagieren.

Wo sehen Sie als Soziologe die Rolle der Kirchen im Teufelskreis von Armut und Krankheit?
Unsere Gesellschaft ist sehr finanzgetrieben und ökonomisiert. Arbeit und Erlös driften auseinander. Mehr sozialer Ausgleich wäre dringlich, auch bei den privaten Vermögen. Kirchen müssen sich dafür einsetzen. Gegen die neue Gläubigkeit, für die Geld und nochmals Geld zählt. Kirchen müssen fragen, was wirklich wichtig und sinnvoll ist im Leben. Das ist heute schier subversiv.

Papst Franziskus betont immer, dass die Katholische Kirche eine «Kirche der Armen» sein soll. Wie interpretieren Sie dieses Diktum vor dem Hintergrund, dass sicher kein Mensch freiwillig danach trachtet, arm zu sein?
Eine lebendige Kirche der Armen ist mit den Armen für die Armen da. Ohne Ausschluss. Die breite Bevölkerung ist willkommen. Sie soll ein gutes Leben führen, ohne andere zu benachteiligen. So verstehe ich den Papst. Einige Reiche plädieren ebenfalls dafür, bescheidener zu leben und Arme zu unterstützen. Das ist erfreulich. Die Existenzsicherung ist aber eine gesellschaftliche Aufgabe für uns alle. Wir dürfen sie nicht vom Goodwill der Begüterten abhängig machen.

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Kämpfer gegen Ungleichheit

Ueli Mäder ist Soziologe und kämpft auch als emeritierter Professor der Universität Basel unablässig weiter für eine gerechtere Verteilung der Güter. | © zvg

Ueli Mäder, 1951 in Beinwil am See geboren, studierte Soziologie, Psychologie und Philosophie an der Universität Basel. Hinzu kam eine Grundausbildung in Psychotherapie. In den 1970er-Jahren begründete er die linke Partei POCH mit, die er einige Jahre auch im Grossen Rat des Kantons Basel-Stadt vertrat. Während der 80er-Jahre leitete Mäder eine Entwicklungsorganisation. Ab 1991 arbeitete er als Dozent der Fachhochschule Nordwestschweiz. Nach seiner Habilitation, 1998, übernahm er von 2001 bis 2005 eine ausserordentliche Professur an der Universität Freiburg, ab 2005 ein Ordinariat an der Universität Basel. Hier leitete er das Seminar für Soziologie. Während zweier Jahre wirkte er auch als Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die soziale Ungleichheit, die Biographie- und Konfliktforschung. Seit Ende Juli 2016 pensioniert, steht Ueli Mäder ab und zu noch als Fachperson zur Verfügung. Zuletzt sind von ihm die Bücher «Geld und Macht in der Schweiz» und «68 – was bleibt?» erschienen.

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