Justitia et Pax ist die Nationale Ethikommission der Schweizer Bischofskonferenz (SBK). Sie veröffentlicht Stellungnahmen zu verschiedenen Themen. Ihr Präsident, Thomas Wallimann-Sasaki, erklärt im Interview, wie Justitia et Pax und die SBK zusammenhängen. | © Screenshot (14. Februar 2018)

«Kirche muss nicht geliebt, sondern respektiert werden» – Wenn Bischöfe politisch werden

Anne Burgmer, 15.2.18
  • Thomas Wallimann-Sasaki ist Sozialethiker und Präsident a.i. von Justitia et Pax, der Nationalkommission der Schweizer Bischofskonferenz (SBK). Im Interview erklärt er, dass Kirche immer politisch ist, auch wenn sie schweigt.
  • Die Kirche sollte mehr Mut zeigen, als Gemeinwohl-orientiertes Gewissen auf die unangenehmen Widersprüche in der Gesellschaft hinzuweisen, fordert der Thomas Wallimann, der ebenso das sozialethische Institut «ethik22» leitet, das aus dem Sozialinstitut der KAB heraus entstanden ist.

 

Gibt es Kriterien, nach denen die SBK oder Justitia et Pax Stellungnahmen oder Empfehlungen zu Abstimmungen veröffentlichen?
Thomas Wallimann-Sasaki:
Meines Wissens gibt es keine Kriterien. Oft wird recht kurzfristig entschieden, wer sich äussert. Eine Faustregel ist allerdings, dass die SBK nicht zu oft selber veröffentlichen soll, damit ihr Wort dann entsprechend Gewicht hat. Für Justitia et Pax sind die Themen Umgang mit Fremden, Asyl, Sterbehilfe, Energie, Kriegsmaterialausfuhr und ganz allgemein Gerechtigkeitsfragen von grosser Bedeutung. Dazu hat Justitia et Pax in der Vergangenheit auch unabhängig von Volksabstimmungen gearbeitet. Bei diesen Themen äussern wir uns dann auch entsprechend.

Manchmal veröffentlicht Justitia et Pax sehr frühzeitig eine Empfehlung, manchmal erst knapp zur Abstimmung hin.  «No-Billag» kam 41 Tage vor Abstimmung zur Sprache, die Durchsetzungsinitiative 2016 erst 33 Tage vorher. Welche Gründe hat das?
Auch für den Zeitpunkt der Abfassung von Stellungnahmen der Kommission Justitia et Pax spielt die öffentliche Wahrnehmung eines Abstimmungsthemas eine Rolle. «No-Billag» ist bereits seit Monaten in der Diskussion, während sich am Abstimmungswochenende der Durchsetzungsinitiative die mediale Aufmerksamkeit eher auf die Abstimmung über die zweite Gotthardröhre konzentrierte.

Die Bischöfe haben in ihrem Mediencommuniqué zu ihrer 118. Ordentlichen Versammlung einen Absatz zu «No-Billag» formuliert. Sie zeigen sich besorgt über den drohenden Verlust der Meinungsvielfalt und der Gefährdung der Demokratie. Keine Rede davon, dass die SRG auch Gefässe bereitstellt, in denen religiöse Formate Platz finden. Was ist von der Argumentation der Bischöfe zu halten?
Da sind die Bischöfe auf den Kern dessen gegangen, was in ihren Augen wichtig ist und haben damit ihre Aufgabe als Gemeinwohl-orientiertes Gewissen in der Gesellschaft wahrgenommen. Wenn sie mit dem Verlust der religiösen Radioformate argumentiert hätten, könnte man einwenden: Sie argumentieren nur aus Eigeninteresse, und es gibt ja auch private religiöse Sender wie zum Beispiel Radio Maria.

Tun sich Kirchen und Bischöfe schwer, ihre Stimme zu politischen Themen zu erheben? Immerhin sind die Reaktionen auf politische Äusserungen durch die Kirche meist heftig.
Ein Hund, dem man auf den Schwanz steht, der bellt. Die Leute merken intuitiv, dass viele politische Themen und Debatten mit Wertehaltungen zusammenhängen, die dem widersprechen, was «eigentlich richtig» wäre. Die Kirche erinnert unangenehm an diese Zwiespältigkeit und die grundlegenden Werte des Zusammenlebens. Ein zweiter Faktor: hinter der Kritik steht letztlich auch eine Anerkennung, dass die Kirche doch noch zu ihren Werten steht.

Sollten Kirchen und Bischöfe mehr politischen Einsatz zeigen?
Kirche ist immer politisch. Wenn sie nichts sagt, ist sie auch politisch. Sie ist dann auf der Seite der Gewinnerinnen und Mächtigen. Es ist eine verkürzte Sichtweise, wenn man denkt, Kirche sei nur politisch, wenn sie etwas sagt. Ich wünschte mir manchmal mehr Mut, dass Kirche ihre Privilegien zum Wohl der Benachteiligten einsetzt. Den Mut hat man nicht immer, das ist mir klar. In dem Zusammenhang kann man vielleicht auch noch sagen, wenn sich ein Bischof zu einem brisanten Thema äussert, reicht es zur Zeit häufig, wenn er den Papst zitiert. Der Papst gibt dem Bischof sozusagen Rückendeckung. Ein Bischof der dann eine Option für die Armen konkretisiert, gibt wiederum seinen Leuten, die sich für Arme einsetzen, Rückendeckung.

Was ist Ihrer Meinung nach eine der grossen Herausforderungen für die kirchliche Stimme heute?
Dass sie authentisch ist. Sprechen und Handeln müssen übereinstimmen. Pointiert gesprochen: Wenn in einem Wirtschaftsunternehmen Sprechen und Handeln nicht zusammenpassen, findet man das vielleicht nicht gut, doch man wundert sich nicht besonders, weil man letztlich annimmt, dass Geld verdienen trotz allen anderen Beteuerungen legitim ist. Die Kirche steht auch in der Gesellschaft vor viel grösseren Erwartungen und Ansprüchen. Sie kann sich eine Widersprüchlichkeit aber auch aus theologischen wie ethischen Gründen nicht leisten. Kirche muss ja von der Gesellschaft nicht geliebt werden, Kirche muss respektiert werden.

Als Vertreter der SBK sitzt Bischof Felix Gmür mit beratender Stimme in der Kommission Justitia et Pax. Trägt er Themen und Anliegen aus der Kommission in die SBK oder umgekehrt?
Beides. Wenn wir von Justitia et Pax aus etwas machen wollen, stellt er den Kontakt zum Präsidium der SBK her. Und er informiert die Kommission umgekehrt über die Themen, die in der SBK diskutiert werden. Darüber hinaus ist Justitia et Pax Mitglied in unterschiedlichen Beiräten und zivilgesellschaftlichen Gremien zu bestimmten Themen – zum Beispiel zum Thema Menschenrechte. Oder die Kommission wird punktuell zu bestimmten Themen hinzugezogen – beispielsweise bei der Wiedergutmachungsinitiative. Der Austausch ist sehr unkompliziert und pragmatisch.

Wie ist der Zusammenhang von Justitia et Pax und der SBK grundsätzlich?
Es ist eine kreative Zusammenarbeit. Die Büros von Justitia et Pax und SBK befinden sich ja im gleichen Haus. So landen viele Anfragen zu Vernehmlassungen bei uns auf dem Pult und wir schreiben die Antworten im Namen der Bischöfe. Andererseits sind wir frei, zu öffentlichen Themen zu kommunizieren. Dabei achten wir aber darauf, dass wir nicht offensichtlich gegen die Bischöfe agieren. Darin spiegelt sich auch die Tatsache, dass eben weder Bischöfe noch Kommissionen «die» Wahrheit gepachtet haben, und dass eine sozialethische Stimme immer auch herausfordert, wenn sie prophetisch sein will.

Die Bischöfe sind aber ja nicht zwingend einer Meinung. Schlagen sich Meinungsverschiedenheiten innerhalb der SBK auch in den Mitteilungen nieder oder äussern sich SBK und Justita et Pax dann erst gar nicht?
Meinungsverschiedenheiten gehören zu einer gesunden Demokratie wie auch zu einer gesunden Kirche. Wie zum Beispiel die Grundsätze und Prinzipien der Katholischen Soziallehre konkret umgesetzt werden, kann darum durchaus spannungsgeladen innerhalb wie ausserhalb der Kirche diskutiert werden. Ich erinnere mich zur Zeit nicht an eine Situation, die es verunmöglicht hätte, aufgrund interner Meinungsverschiedenheiten nicht Stellung zu nehmen. Auf diese Weise wird ja auch sichtbar, dass wir als Kirche ebenso auf der Suche nach einer gerechteren Gesellschaft und Welt sind wie andere auch! Wer meint, Bischöfe, Kommissionen und kirchliche Menschen müssten immer mit einer Stimme sprechen, verwechselt Kirche und Volk Gottes mit einer Diktatur oder Sekte.

Sie sind nicht nur Präsident a.i. der Kommission Justitia et Pax, sondern auch Leiter von ethik22, einem sozialethischen Institut, das aus dem Sozialinstitut der KAB heraus entstanden ist. Was ist ihr Hauptanliegen bei ethik22?
Unsere Gesellschaft braucht den Dialog über Werte und moralische Fragen. Dieser Dialog soll mit konkreten Fragen unserer Zeit verbunden sein. Wir wollen dafür einen Raum bieten, online, mit einem gedruckten Magazin und mit Veranstaltungen, Tagungen und Gesprächen. So wollen wir einen Beitrag leisten, damit Menschen fundiert Perspektiven entwickeln können. Dazu gehören die sozialethische Dimension, Fragen der Gerechtigkeit und des guten Lebens. In den Prinzipien der Katholischen Soziallehre-Tradition erkennen wir wertvolle Wegweiser für unsere ökumenisch geprägte Arbeit. Bei Vorträgen, auf Podien und aus Rückmeldungen von Artikeln spüre ich immer wieder, dass ethik22 Perspektiven schaffen und Freude für die Zukunft machen kann.

 

www.ethik22.ch

ethik22 publiziert vor Abstimmungen entsprechende Unterlagen, in denen die Abstimmungsvorlagen neutral und verständlich aufbereitet werden. Die aktuelle Publikation zu den Vorlagen vom 4. März 2018 finden sie hier.

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