Vom 6.-8. Februar verbrachten fünfzehn Kanti-Schüler aus Aarau drei Tage mit zehn jugendlichen Asylsuchenden, die als sogenannt Unbegleitete minderjährige Asylssuchende (UMA) in die Schweiz kamen. | © Roger Wehrli

Asylsuchende aufs Glatteis geführt

Andreas C. Müller, 11.2.19
  • Vom 6. bis 8. Februar 2019 lernten Kanti-Schüler und jugendliche Asylsuchende einander im Rahmen einer Projektwoche näher kennen und wagten sich aufs Eis. Vorurteile konnten beseitigt, Vertrauen geschaffen werden.
  • Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit mit den Kantonsschulen in Wohlen und Aarau hofft die Projektverantwortliche und Integrationsbeauftragte der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau, Myroslava Rap, eine solche Begegnungswoche für Jugendliche bald auch mit einer Aargauer Berufsschule durchführen zu können.

 

Hibo geniesst es, von ihren neuen Kanti-Freundinnen übers Eis geführt zu werden. Auf beiden Seiten greift die junge Frau aus Somalia bei jemandem unter den Arm. Immer wieder muss die Gruppe anderen Läufern auf der Oltener Kunsteisbahn ausweichen. Hibo lacht, als Sarah ihren Weg kreuzt – sie wird auf einem Stuhl sitzend übers Eis geschoben. Sarah stammt aus Afghanistan und kam wie Hibo vor etwa drei Jahren in die Schweiz – allein, als sogenannt «Unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA).

Eine Initiative der Römisch-Katholischen Kirche

Mittlerweile haben es Hibo und Sarah zwar nicht an die Kantonsschule geschafft, aber sie kommen immerhin einigermassen mit ihrem neuen Leben in der Schweiz zurecht, besuchen den Unterricht an der sogenannten UMA-Schule im Aarauer Telli-Quartier und lernen dort Deutsch, Pünktlichkeit, Selbstorganisation und vieles mehr.

Den Nachmittag auf der Eisfläche im Oltener Sportpark verdanken Hibo und Sarah sowie 10 weitere UMA der Initiative der Integrationsbeauftragten der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau, Myroslava Rap. Vor knapp zwei Jahren hatte die promovierte Theologin die Idee, man könnte den Kantonsschulen für deren Projektwochen doch ein Begegnungsprojekt vorschlagen: Interessierte Kantonsschülerinnen und Schüler lernen jugendliche Asylsuchende kennen und verbringen mit diesen ein paar Tage.

Vorurteile abbauen, Vertrauen schaffen

Vergangenen Herbst konnte Myroslava ihre Idee an der Kantonsschule Wohlen erstmals umsetzen. Letzte Woche folgte die Fortsetzung an der Alten Kantonsschule Aarau: Während die einen Jugendlichen zum Skifahren in die Berge fuhren, Tanzstunden nahmen, fotografierten oder sich mit griechischer Mythologie beschäftigten, entschieden sich 15 Schülerinnen und Schüler für die Begegnung mit jugendlichen Asylsuchenden.

«Ich wollte Asylsuchende schon lange einmal näher kennnenlernen», erklärt Tabea gegenüber Horizonte, und ihre Kollegin Flurina ergänzt: «Ich finde es wichtig, dass wir uns unser eigenes Bild von den Geflüchteten machen und schauen, was es mit all den Vorurteilen auf sich hat, die wir aufgrund der Medienberichterstattung und all dem, was so erzählt wird, haben.»

«Menschen wie wir»

Die jugendlichen Asylsuchenden aus Syrien, Eritrea, Afghanistan und Somalia entpuppen sich «als Menschen wie wir» – so jedenfalls bringt es Tabea auf den Punkt. Es zeigt sich: So schlecht Deutsch können sie gar nicht. Auch sind sie sehr kontaktfreudig, interessiert und offen, Neues auszuprobieren. Sogar Schlittschuhlaufen.

«Eine gute vertrauensbildende Massnahme», meint Bärbel Hess, die Beauftragte für kirchliche Arbeit an der Alten Kantonsschule Aarau. Die Religionslehrerin fungiert als direkte Kooperationspartnerin für Myroslava Rap. «Gestern wäre das so noch nicht möglich gewesen», freut sich Bärbel Hess. Sie meint die herzliche und ungezwungene Art, in der die Jugendlichen miteinander umgehen. Als würden sie schon seit Langem in dieselbe Klasse gehen. «Dabei haben sich die Jugendlichen gestern erst kennengelernt – und es dauerte schon ein Weilchen, bis das Eis gebrochen war», erinnert sich Bärbel Hess. In der Zwischenzeit hätten jedoch spannende Gespräche stattgefunden. Auch ein Workshop zum Thema Vorurteile stand auf dem Programm. Dies in Zusammenarbeit mit drei Vertreterinnen vom «National Coalition Building Institute». Das NCBI hat sich darauf spezialisiert, Gegensätze zwischen Menschen verschiedenster Herkunft und unterschiedlichen Alters zu überwinden.

Ob der Kontakt die Woche überdauert, bleibt offen

Die 25-köpfige Gruppe verbringt auch am Abend gemeinsam Zeit. Für die Dauer der Projektwoche hat sich die Gruppe in Aarburg in der «Villa Jugend» eingemietet – dem Jugendhaus der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau. Auf dem Programm stand dort ein spontan organisierter Tanzabend ebenso wie das gemeinsame Kochen afghanischer Gerichte.

Ob sich aus den gemeinsam verbrachten Tagen ein bleibender Kontakt ergibt? Vielleicht sogar die ein oder andere Freundschaft? «Ich weiss es nicht», meint Vivianne. Auf jeden Fall wolle man die Mobilnummern austauschen und über die Sozialen Medien in Verbindung bleiben.

Mit den Projektwochen für Schweizer Jugendliche und jugendliche Asylsuchende soll es jedenfalls weitergehen. Myroslava Rap hofft, schon bald an den Berufsschulen ein ähnliches Begegnungsangebot anbieten zu können: «Mir fehlt noch der passende Partner, aber das klappt bestimmt».

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