Luciano Padrão koordiniert für Fastenopfer die Entwicklungszusammenarbeit in Brasilien. Unter der Präsidentschaft von Jair Bolsonaro dürfte die indigene Bevölkerung in ihren Rechten beschnitten und das Amazonasgebiet weiter ausgebeutet werden, befürchtet der Brasilianer. | © Andreas C. Müller

«Schwere Zeiten für Indigene in Brasilien»

Andreas C. Müller, 28.2.19
  • Luciano Padrão stammt aus Rio de Janeiro und ist seit mehr als 10 Jahren Koordinator des Fastenopfer-Landesprogrammes in Brasilien. Mit dem Amtsantritt von Präsident Jair Bolsonaro dürfte sich die Entwicklungszusammenarbeit erschweren.
  • Horizonte traf Luciano Padrão zum Interview. Dieser rechnet mit schweren Zeiten für die indigene Bevölkerung in Brasilien unter der neuen Regierung.

 

Herr Padrão, welche Schwerpunkte setzen die Fastenopfer-Programme gegenwärtig in Brasilien?
Luciano Padrão: Unser Engagement konzentriert sich auf die Menschen, die im Amazonasgebiet leben. Vor allem Indigene – insgesamt 305 verschiedene ethnische Gruppen, das sind etwa 900 000 Personen. Darüber hinaus gibt es da noch die Quilombolas und Kleinbauern an den Ufern der Flüsse.

Was sind Quilombolas?
Eine Gemeinschaft, die ursprünglich aus Afrika stammt und die aufgrund der Sklaverei nach Brasilien kam. Jene, die sich seinerzeit aus der Sklaverei befreien konnten, sind ins Amazonasgebiet geflüchtet und leben seither dort. Im Übrigen existieren im Amazonasgebiet die meisten indigenen Gemeinschaften weltweit, die bewusst den Kontakt zur modernen Gesellschaft verweigern.

Und welche Arbeiten unterstützt Fastenopfer dort?
Das sind verschiedene Themen, weil das Amazonasgebiet ganz vielfältig betroffen ist. Es werden dort Rohstoffe abgebaut, grosse Dämme zur Energiegewinnung errichtet und grosse Waldstücke für Sojaplantagen und Viehzucht gerodet.

Und was können Sie da tun?
Wir arbeiten mit Menschen vor Ort zusammen, unterstützen sie in ihrem Kampf um ihr Land, das ihnen rechtlich zusteht. In Brasilien besitzt ein Prozent der Bevölkerung etwa 45 Prozent des gesamten Kulturlandes. Das eine Prozent sind sogenannte «Jatifundiarios», also Grossgrundbesitzer sowie verschiedene Unternehmungen und internationale Konzerne.

Was ist der Grund für diese sehr einseitige Verteilung?
Das hängt damit zusammen, dass es in Brasilien nie eine Landreform gab und Strukturen aus 300 Jahren Kolonialismus bestehen blieben.

Aber hat nicht Lula da Silva eine Landreform angestossen?
Ja, aber haben Sie mitbekommen, wie weit er damit gekommen ist? Er stiess auf erbitterten Widerstand.

Und der neue Präsident Jair Bolsonaro hat ja in seinen ersten Amtstagen ja bereits erklärt, dass es mit ihm keine Landreform geben werde.
Genau. Wörtlich hat er gesagt, dass er nicht einen weiteren Zentimeter an Indigene abgeben werde. Dabei steht in der brasilianischen Verfassung, dass die indigene Bevölkerung ein Recht auf ihr Land hat. Und es gibt da sogar diesen Zusatzartikel aus dem Jahre 1988. Darin heisst es, dass an die indigene Bevölkerung innert fünf Jahren das Land verteilt werden sollte.

Ist dahingehend denn gar nichts passiert?
Doch, gerade im Rahmen unserer Entwicklungszusammenarbeit konnten einige Siege errungen werden. 332 Landstücke wurden bis jetzt für Indigene registriert. Das umfasst 12 Prozent des gesamten Amazonasgebiets. Weitere 100 Landstücke sind in Bearbeitung. Doch ich rechne nicht damit, dass diese noch zugeteilt werden.

Wegen Jair Bolsonaro?
Ja. Es ist sogar zu befürchten, dass der neue brasilianische Präsident Wege finden wird, bereits vorgenommene Demarkationen wieder zurückzunehmen.

Was macht Sie da so sicher?
Schon am ersten Tag seiner Präsidentschaft hat Jair Bolsonaro ganz viele Entscheide gefällt, die Konsequenzen für das Amazonasgebiet und die dort lebenden Indigenen haben werden.

Was denn genau?
Konkret hat er die politische Zuständigkeit für Landzuteilungen neu dem Landwirtschaftsdepartement unterstellt. Das sind alles Leute, welche keine Interesse daran haben, den Indigenen Land zu verteilen. Im Gegenteil: Die betrachten das Amazonasgebiet primär als Investitionsgebiet für Plantagen, für Staudämme zur Stromgewinnung und so weiter. Das Ganze kommt mir vor, wie wenn man den Fuchs mit der Betreuung der Hühner beauftragt.

Das ist ein drastischer Vergleich.
Aber es trifft zu. Schlimm ist auch, dass die Bolsonaro uns seine Leute der Überzeugung sind, dass man die Indigenen in die kommerzielle Gesellschaft integrieren muss. Wir kämpfen dafür, dass diese Volksstämme in ihrer Identität und ihren Rechten geschützt bleiben.

Was meinen Sie: Wie schlimm wird es denn unter der neuen Regierung?
Wir rechnen mit ernsthaften Problemen im Amazonasgebiet. Die neuen Machtverhältnisse werden auf unsere Arbeit bestimmt Einfluss haben. Wir wissen nur noch nicht, in welchem Ausmass.

Geniessen denn die Indigenen so wenig Unterstützung? Jair Bolsonaro macht im Grunde ja eine Politik für wenige und gleichwohl hat ihn eine Mehrheit gewählt.
Jair Boslonaro geniesst zunächst einmal die volle Unterstützung der reichen und einflussreichen Kreise im Land. Darüber hinaus ist er gewählt worden, weil er versprach, die seit Jahren in Brasilien bestehenden Probleme zu lösen: Gewalt, Armut, Korruption. Er hat das auch sehr gut kommuniziert, darum wurde er gewählt.

Und Sie? Haben Sie Verbündete? Was ist mit den Kirchen?
Die Kirchen unterstützen uns. Auch, dass wir einen lateinamerikanischen Papst haben, der sich für die Armen und Unterdrückten einsetzt, hilft uns sehr. Gerade dieses Jahr gibt es im Vatikan sogar eine spezielle Amazonassynode. Franziskus hat diese einberufen. Wir werden auch dabei sein – als die Stimme der Menschen im Amazonas.

 

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Ein Indigener vor einem Staudamm im Amazonasgebiet. Die Regierung unter Präsident Jair Bolsonaro hat das Ziel, die Indigenen im Amazonasgebiet in die industrialisierte Gesellschaft zu integrieren. | © Stefan Salzmann, Fastenopfer
Ein Indigener vor einem Staudamm
Quilombolas sind Menschen, die aufgrund der Sklaverei nach Brasilien kamen. Jene, die sich seinerzeit aus der Sklaverei befreien konnten, sind ins Amazonasgebiet geflüchtet und leben seither dort. | © Tobias Buser, Fastenopfer
Bei den Quilombolas
In den Workshops mit der indigenen Bevölkerung werden auch Genderthemen bearbeitet. Frauen sollen ermutigt werden, an Entscheidungsfindungsprozessen zu partizipieren. Die Männer wiederum sollen sensibiliert werden, die Frauen dahingehend zu unterstützen. | ©
Workshop mit Indigenen

50 Jahre Ökumenische Kampagne

Bereits zum 50. Mal organisiert Fastenopfer zusammen mit seinem reformierten Partner «Brot für alle« die alljährliche Fastenkampagne. Gesammelt wird dieses Jahr unter dem Motto: Gemeinsam für starke Frauen. Gemeinsam für eine gerechte Welt. Mit Stolz blickt Fastenopfer zurück: Man habe einiges in dieser Zeit erreicht, heisst es in einer Mitteilung. Der faire Handel sei nicht mehr wegzudenken, Elektronikfirmen würden in die Pflicht genommen, Palmöl aus grossen Plantagen in Frage gestellt. Das Jubiläum wird am Samstag, 13. April in Bern in der Heiliggeistkirche mit einem Gottesdienst und einem Jubiläums-Fastensuppenessen begangen.

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