Beim Besuch der Ausstellung «Heimat» in Lenzburg hatten junge Flüchtlinge die Möglichkeit, sich mit ihrer Migrationsgeschichte auseinanderzusetzen. Obschon die meisten noch immer auf ihren Asylentscheid warten, weder arbeiten noch eine Ausbildung beginnen dürfen, wollen sie in der Schweiz bleiben. | © Andreas C. Müller

«Wir warten, dass wir unser Leben leben können.»

Andreas C. Müller, 20.11.17
  • Nach wie vor warten im Aargau viele junge Flüchtlinge auf ihren Asylentscheid. Manche können seit über zwei Jahren weder arbeiten noch eine Ausbildung beginnen.
  • Das Programm «Bildung, Begegnung und Beschäftigung» von Netzwerk Asyl Aargau bietet Asylsuchenden die Möglichkeit, Deutschkenntnisse zu vertiefen, Kontakte zu knüpfen und mehr über die Schweiz zu erfahren. Eine willkommende Bereicherung insbesondere für die im Asylverfahren stehenden Flüchtlinge.

 

Zusammen mit über 30 meist jungen Flüchtlingen hat sich Roniban am Samstagnachmittag, 18. November, auf dem Lenzburger Zeughausareal eingefunden. Das Programm «Bildung, Begegnung und Beschäftigung» von Netzwerk Asyl Aargau lädt in Zusammenarbeit mit der Fachstelle Bildung und Propstei der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau zum Besuch der Ausstellung «Heimat». Die 23-jährige Kurdin aus Syrien ist zusammen mit ihren Geschwistern aus Syrien geflüchtet, lebt in der Asylunterkunft in Wohlen und wartet auf ihren Asylentscheid. Der Ausflug nach Lenzburg ist für die junge Frau, die bereits ziemlich gut Deutsch spricht, eine willkommene Abwechslung. Denn Arbeiten oder eine Vorlehre beginnen dürfen die im Verfahren stehenden Flüchtlinge in der Schweiz nicht – auch wenn sie wollen. Das Warten bestimmt ihren Alltag.

Langeweile und verordnetes Nichtstun

Man habe mit 20 Personen gerechnet, nun seien über 30 Flüchtlinge gekommen, freut sich Myroslava Rap, Fachmitarbeiterin für Integration bei der Fachstelle Bildung und Propstei der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau. Und den meisten geht es wie Roniban: Sie haben den «N-Ausweis» und langweilen sich, weil sie «nichts tun dürfen». Der 19-jährige Eqbal aus Afghanistan wartet bereits seit über zwei Jahren. «Wir warten darauf, dass wir unser Leben leben können», bringt es Roniban auf den Punkt.

Die Samstagnachmittage des Programms «Bildung, Begegnung und Beschäftigung» bieten anhand einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung nicht nur vertieften Deutschunterricht, «die Flüchtlinge lernen auch etwas über unsere Kultur und haben die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen», erklärt Esther Meile, die sich als Freiwillige an diesen Nachmittagen engagiert. Angedacht war das Programm, das in Zusammenarbeit mit «Jugendrotkreuz Aargau» organisiert wird, jeweils auch als Möglichkeit, Flüchtlinge mit der lokalen Bevölkerung zusammenzubringen. Doch das hat noch nicht wie erhofft funktioniert, räumt Francesca Giacomin von der Projektleitung ein. Zu den Aktivitäten – von Besuchen in einem Kerkraftwerk, einer Kerrichtverbrennungsanlage und verschiedenen kantonalen Einrichtungen bis hin zu Sport – kämen in der Regel nur Flüchtlinge und freiwillig Engagierte aus dem Programm.

Anlässe zu sexueller Gesundheit und Kinderrecht geplant

Künftig wolle man vermehrt informative Veranstaltungen anzubieten, erklärt Francesca Giacomin. Geplant seien unter anderem Anlässe zum Thema sexuelle Gesundheit und Verhütung sowie zu Erziehung und Kinderrecht in der Schweiz. «Ausserdem ist unser Vorhaben, den Kontakt zur Zivilbevölkerung zu intensivieren», so die «bbb-Projektleiterin».

In der Ausstellung «Heimat» hat die Gruppe um Roniban und Eqbal die Möglichkeit, sich mit der eigenen Migrationsgeschichte, dem Heimatbegriff und Sehnsüchten auseinanderzusetzen. «Heimat kann vieles sein», erklärt Lucas Säuberli vom Stapferhaus-Team: «Auch dein Leibgericht, dass deine Mutter immer gekocht hat.» Der Ausstellungsmitarbeiter ist jung, seine Mutter stammt aus Vietnam und geboren ist er in den USA. Die Anwesenden begreifen: Auch dieser junge Mann hat einen Migrationshintergrund. Und man kann es schaffen hier.

Schweizer mit Vorbehalten gegenüber Fremden

«Auch wenn wir unterschiedlicher Herkunft sind, so haben wir doch alle eine gemeinsame Herkunft», erklärt Lucas Säuberli den Einstieg in die Ausstellung, der an einen Uterus erinnert. Auf das Wohlfühlerlebnis folgt die Auseinandersetzung mit drohendem Heimatverlust und eigens für die Ausstellung erhobenen Zahlen. 45 Prozent von 1000 Befragten gaben an, dass sie in fremden Kulturen und insbesondere dem Islam eine Gefahr für die Schweiz sähen.

Gleichwohl wollen Roniban, Eqbal und die anderen in der Schweiz bleiben und sich hier eine Zukunft aufbauen. «Ich fühle mich hier ruhiger», erklärt Emcet, der in Afghanistan zur Welt kam und in Pakistan aufgewachsen ist. Wohl fühle er sich hier, präzisiert er nach einer Weile. Sein Deutsch ist noch nicht so, wie er es gerne hätte. Gleichwohl bringt er sich mutig immer wieder in die Konversation ein und hat oft die Lacher der Gruppe auf seiner Seite. Wie alt er ist, wisse er nicht. «Aber hier in der Schweiz bin ich 20 Jahre alt», erklärt er lakonisch. Die skurril anmutenden Aussagen lassen eine tragische Migrationsgeschichte erahnen, die der junge Mann mit flapsigen Sprüchen und viel Humor überspielt. «Ich glaube, ich muss in mir Heimat finden», sagt er schliesslich.

Bereits mehrfach hat Myroslava Rap mit Flüchtlingen die Stapferhaus-Ausstellung «Heimat» besucht. «Ziel des Angebotes ist es, den Flüchtlingen eine Möglichkeit zu geben, am kulturellen Leben in der Schweiz teilzunehmen und sich mit ihren Heimatgefühlen auseinanderzusetzen.» Und Einheimische könnten durch den gemeinsamen Besuch der Ausstellung entdecken, was für einen Heimatbegriff geflüchtete Personen mitbrächten. Sie sei immer wieder beeindruckt, was dies bei den Menschen auslöse, so Myroslava Rap weiter. Teilweise werde es sehr emotional. Das Ausstellungsthema spiegle die persönliche Situation: «Die Flüchtlinge müssen eine neue Heimat finden und in diesem Zusammenhang auch herausfinden, ob das die Schweiz sein könnte.»

«Die Erde ist so schön, aber wir machen so viel kaputt»

Gut zweieinhalb Stunden dauert die Heimatentdeckungsreise inklusive Riesenradfahrt. Austausch und gemeinsamer Plausch haben ebenso Platz wie Persönliches. So kramt während des Aufenthalts im oberen Stock der Ausstellung ein gläubiger Muslim aus Eritrea unvermittelt einen Teppich aus dem Rucksack und praktiziert in einer Ecke sein Gebet.

Was hat am meisten beeindruckt? Für Eqbal eindeutig «die Rakete», in der die Besucherinnen und Besucher mit Hilfe einer Virtual Reality-Brille ins Weltall abheben. «Das war so schön», schwärmt der 19-jährige Afghane und ergänzt dann: «Aber es hat mich auch traurig gemacht. Die Erde ist so schön, aber wir machen so viel kaputt, hassen einander und haben Krieg.»

 

Hinweis:

Aufgrund der grossen Nachfrage findet am 9. Dezember nochmals eine Führung durch die Ausstellung «Heimat» im Rahmen des Programms «Bildung, Begegnung und Beschäftigung» statt. Auch Schweizerinnen und Schweizer sind willkommen. Nähere Informationen auf www.netzwerk-asyl.ch/projekte/bbb sowie auch direkt bei Frau Francesca Giacomin: T 079 268 92 44.

Interessierte Pfarreigruppen sowie auch Freiwilligenorganisationen, die im Flüchtlingsbereich tätig sind und mit einer Gruppe Flüchtlinge die Ausstellung «Heimat» besuchen wollen, wenden sich an Myroslava Rap von der Fachstelle Bildung und Propstei der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau. Termin, Führung und Austausch nach dem Ausstellungsbesuch inklusive Verpflegung werden organisiert. Kontakt: myroslava.rap@kathaargau.ch

 

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Das Ausstellungsthema spiegle die persönliche Situation: «Die Flüchtlinge müssen eine neue Heimat finden und in diesem Zusammenhang auch herausfinden, ob das die Schweiz sein könnte», weiss Myroslava Rap, Fachmitarbeiterin Integration bei der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau. | © Roger Wehrli
Myroslava Rap, Katholische Kirche Aargau
Die 23-jährige Roniban aus Syrien (links) kam mit ihren Geschwistern, aber ohne ihre Eltern in die Schweiz. Sudaba, die ihr Alter nicht öffentlich machen will, gelang die Flucht aus Afghanistan mit ihrer Familie. | © Andreas C. Müller
Roniban (links) aus Syrien
Genossen den Nachmittag in der Stapferhaus-Ausstellung «Heimat»: Die beiden Afghanen Ecbal und Emcet (von links). Auch wenn sie nach wie vor auf ihren Asylentscheid warten, fühlen sich die beiden jungen Männer in der Schweiz bereits sehr wohl. | © Andreas C. Müller
Eqbal und Emcet (von links), Afghanistan
Die Ausstellung startet in einer imaginären Gebärmutter. Dies ist auch eine Anspielung daran, dass wir alle die Erfahrung von Heimatverlust teilen.| © Werner Rolli
Unsere erste Heimat: Der Uterus
Will im kommenden Jahr mit dem Program «Bildung, Begegnung, Beschäftigung» vermehrt informative Anlässe und intensiveren Kontakt mit der lokalen Bevölkerung: Projektleiterin Francesca Giacomin. | © Andreas C. Müller
Francesca Giacomin, bbb-Projektleiterin
Über ihr Engagement im Rahmen eines Begegnungscafés für Asylsuchende in Muri  fand Esther Meile zum Programm bbb von Netzwerk Asyl. | © Andreas C. Müller
Esther Meile, Freiwillige
Der Besuch in der Ausstellung Heimat regte die Flüchtlinge dazu an, sich mit ihrer eigenen Migrationsgeschichte auseinanderzusetzen und sich zu fragen, wo sie denn eine neue Heimat finden wollen. Für die meisten stand fest: Das ist die Schweiz. | © Andreas C. Müller
Klares Bekenntnis zur Schweiz
Vom Stapferhaus-Team führte Lucas Säuberli durch die Ausstellung und betonte, dass letztlich alle Menschen auch den gleichen Ursprung hätten: Den Bauch der Mutter. | © Andreas C. Müller
Lucas Säuberli, Stapferhaus
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