Jeden ersten Samstag im Monat zwischen 15 und 17 Uhr darf jeder kommen, wann es für ih passt und so lange bleiben, wie es ihm gut tut. | © Roger Wehrli

Mit offenen Herzen

Das Gebet um Heilung in Wettingen spricht körperlich und seelisch Leidende an

Marie-Christine Andres Schürch, 27.2.17

Stille, Musik und jemand, der einfach zuhört. Das «Gebet um Heilung» in der Kapelle St. Anton öffnet die Herzen und lenkt die Gedanken in eine neue Richtung.

Heilung. Wir haben sie immer wieder nötig, körperlich und seelisch. «Heilung ist aber auch ein grosses Wort und ein schwieriger, hoher Anspruch.», gibt Stephan Lauper, Pastoralassistent in Wettingen zu. Trotzdem beten Zvonko Trulec, Laura Tamburin, G. L. * (Name der Redaktion bekannt) und er regelmässig darum. Jeden ersten Samstag im Monat findet in der Kapelle St. Anton in Wettingen das «Gebet um Heilung» statt. Es richtet sich an Menschen, die krank sind, körperliche und seelische Lasten tragen oder den Lebensmut verloren haben. Das Gebet ist getragen von der Gewissheit, dass Gott derjenige ist, der Heilung schenken kann. «Wir vom Gebet-Heilung-Team verstehen uns ausdrücklich nicht als Heiler. Die Heilung kommt von Gott.», betont Stephan Lauper.

Die Gedanken fliessen

Heilung. Ein schwieriger, ein hoher Anspruch. Doch hier in der Kapelle ahnt man, dass sie möglich sein könnte. Das Gebet hat eine schlichte Form: Jede und jeder darf einfach da sein, in der Kapelle sitzen, der Musik lauschen, in Stille verharren. G.L. singt mit klarer Stimme das Vaterunser. Mit der Melodie und den Worten beginnen die Gedanken zu fliessen. Nach einer Weile stehen zwei jüngere Frauen von ihren Plätzen auf. Sie gehen nach vorne und suchen das Gespräch mit einem der Teammitglieder. Zvonko Trulec lässt sich gerne auf den Menschen ein, der zu ihm kommt. «Wir geben keine Ratschläge, sondern hören vor allem zu. Wir ermuntern die Leute, auf die Worte von Jesus zu hören.

Wieder Ganz-Werden

Er stellt fest, dass die Menschen viel Vertrauen haben. «Sie kommen mit offenen Herzen und beginnen, voll Vertrauen und ehrlich zu erzählen. Das Herz geht ihnen auf, wenn sie merken, dass jemand da ist, der ihnen zuhört und mit ihnen betet. Das ist uns das Allerwichtigste.» Die Musik und der Gesang tragen wesentlich zur Atmosphäre bei, die solche Offenheit möglich macht. Laura Tamburini erinnert sich an das erste Gebet: «Es war in gutem Sinne anders, als wir es geplant hatten, denn G.L. hat uns mit ihrer Musik überrascht.» Tatsächlich wirken die Schlichtheit und Klarheit ihres Spiels und Gesangs als «Herzöffner», wie Zvonko Trulec treffend formuliert. Die Musik lenkt die Gedanken in neue Richtungen. Im Wahrnehmen des Augenblicks liegt Heilung – Heil-Werden im Sinne von «Wieder-Ganz-Werden» aus der Verzettelung des Alltags. Denn auch Gestresste und von Streit Geplagte besuchen das Gebet um Heilung. Stress und Streit bedeuten ebenfalls Unheil. Stephan Lauper sagt: «Die Leute nehmen sich die Freiheit, Heilung eben auch im übertragenen Sinn zu verstehen. Das freut uns.»

In Gottes Hände

Die Idee zum Gebet um Heilung entstand vor zwei Jahren an einer Veranstaltung der Erwachsenenbildung der Katholischen Kirchgemeinde Wettingen mit dem Titel «We have a Dream». «Einer der Träume, die wir damals träumten, war, ein spirituelles Angebot zu finden für Menschen, die in irgendeiner Form krank sind oder leiden.», erinnert sich Stephan Lauper. Das Gebet-um-Heilung-Team begleitet die Gebete mit viel Engagement. Über den Inhalt der Gespräche tauschen sich die Verantwortlichen nicht aus, jedoch sei es für alle wichtig, das ihnen Anvertraute wieder «ablegen» zu können. Deshalb – und auch aus liturgischen Gründen – eröffnet und beendet das Viererteam die zwei Stunden mit einem Gebet. So legen sie das Erfahrene in Gottes Hände. Stephan Lauper sagt mit Nachdruck: «Auch wir gehen jedes Mal gestärkt aus der Kapelle.»

Auch Streit und Stress sind Unheil

Seit dem Beginn im vergangenen Oktober besuchten Schwerkranke und ihre Verwandten, aber auch Gestresste und von Streit Geplagte das Gebet. Denn auch Stress und Streit sind Unheil. Stephan Lauper sagt: «Die Leute nehmen sich die Freiheit, Heilung eben auch im übertragenen Sinn zu verstehen. Das freut mich.» Speziell einladen möchte das Organisationsteam auch Familien mit kranken Kindern, denn die offene Gottesdienstform, das freie Kommen und Gehen, eignet sich speziell für jüngere Besucher.

Ergänzung statt Konkurrenz

Die Idee zum Gebet um Heilung entstand im Frühling 2015 an einer Veranstaltung der Erwachsenenbildung der Katholischen Kirchgemeinde Wettingen mit dem Titel «We have a Dream». «Einer der Träume, die damals geträumt wurden, war, ein spirituelles Angebot zu finden für Menschen, die in irgendeiner Form krank sind oder leiden.», erinnert sich Stephan Lauper, Pastoralassistent in der Pfarrei St, Anton Wettingen. Eine Arbeitsgruppe erarbeitete in der Folge ein Angebot für diese Zielgruppe. Es versteht sich als ergänzendes Angebot zu den Gottesdiensten und Gebeten, die in den Pfarreien von Wettingen und Umgebung gefeiert werden und ist für den gesamten Pastoralraum gedacht. Dem Team ist es sehr wichtig zu betonen, dass ihr Angebot innerhalb des liturgischen Rahmens der Kirche verankert ist und sie keinen «Hokuspokus» betreiben oder gar Wunderheilungen versprechen. Es existiert ein schriftliches Konzept, das ausdrücklich festhält, dass sich die Teammitglieder nicht als Heiler verstehen, keine Diagnosen oder Prognosen stellen. Offenbar ist diese ausdrückliche Abgrenzung nötig, damit das Gebet um Heilung nicht in die «esoterische» Ecke gestellt wird. Das Angebot läuft seit Oktober 2016 vorerst für ein Jahr, danach entscheidet sich, ob und wie es weitergeführt wird.

 

Das nächste Gebet um Heilung findet am Samstag, 4. März 2017 von 15 bis 17 Uhr statt. Weitere Informationen finden sie hier.

Krankensonntag

Am Sonntag, 5. März feiert die katholische Kirche den Krankensonntag. In ihrer Botschaft zum Krankensonntag schreiben die Schweizer Bischöfe: «Ob wir krank oder gesund sind, wir alle sind herausgefordert, über den Sinn der Krankheit nachzudenken und die möglichen Situationen, in die wir an unserem Lebensende geraten können, im Geiste vorwegzunehmen.» Das Schreiben verweist auf die Nähe von Gesundheit, Krankheit und Tod und setzt sich mit der Frage der Würde auseinander. Abhängigkeit, wie sie sich bei kranken oder alten Menschen zeige, habe nichts mit Würde zu tun. Denn: «Würde hat jeder Mensch, gerade der Schwache.

 

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