Forscht zum Thema Trauer um Haustiere und berichtete in Zürich aus ihrer Arbeit: Tierärztin Marion Schmitt aus Hannover. | © Andreas C. Müller

«Es fehlt an Verständnis für Trauernde um ein Tier»

Andreas C. Müller, 8.4.19

 

Frau Schmitt, in Ihrer Dissertation beschäftigen Sie sich mit der Trauer um Haustiere: Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, zu denen Sie im Rahmen Ihrer Forschung gelangt sind?
Marion Schmitt: Die wichtigste Erkenntnis ist wahrscheinlich, dass es prinzipiell keinen Unterschied gibt zwischen der Trauer um einen Menschen und einem Tier. Wenn man davon ausgeht, dass Trauer eine normale Reaktion auf einen Verlust ist, ist das auch nicht verwunderlich. Grundsätzlich muss man aber sagen, dass die Trauer um Menschen wie um Tiere in jedem Fall sehr individuell ist.

Gibt es wirklich keinen wesentlichen Unterschied?
Marion Schmitt: Doch – zu nennen wäre die mitunter sehr belastende Entscheidung zur Einschläferung, die ein Tierhalter oft treffen muss. Oder dann die Fülle an Möglichkeiten zur Bestattung.

Herr Schaar, in Seelsorgegesprächen ist laut Ihrer Aussage die Trauer um ein Haustier oft ein Thema. Haben die Tierhalter auch schon nach Bestattungsritualen gefragt?
Michael Schaar: Der Wunsch wurde schon mehrmals geäussert, aber wir wollen das theologisch reflektiert und begründet entwickeln. Das braucht sicher noch etwas Zeit. Gemeinsam mit «AKUT», der Aktion Kirche und Tiere, sind wir an dem Thema dran. Zudem gebe ich in Gesprächen Hinweise, wie so ein Bestattungsritual aussehen könnte.

Man ist versucht zu sagen, dass gerade ältere und alleinstehende Menschen stärker um ein Haustier trauern, weil das Tier für sie ein Partnerersatz ist. Inwieweit stimmt das?
Marion Schmitt: 2017 bestanden 70 Prozent der deutschen Haushalte mit Heimtieren aus zwei oder mehr Personen, und 53 Prozent der Heimtiere lebten bei Menschen, die jünger waren als 50 Jahre. Das Bild vom alten, einsamen Menschen stimmt so also nicht.

Gibt es Unterschiede bei der Trauer in Abhängigkeit zur Bindungsfähigkeit und Lebensdauer eines Tieres? Also wird beispielsweise um einen Hund eher und stärker getrauert als um ein Zwergkaninchen?
Marion Schmitt: Trauer ist eine Emotion und als solche individuell und sehr subjektiv. Sie zu messen, ist daher kaum möglich. Manche Menschen trauern um ihr Kaninchen genauso oder stärker als andere Menschen um ihren Hund und umgekehrt. Jeder Mensch ist einzigartig, jedes Tier, jede Beziehung und jede Verlustsituation. Daher sollte man sich beim Umgang mit Trauernden nicht pauschal darauf beschränken, was man an «harten Fakten» zu wissen glaubt. Trauer folgt keinen logischen Gesetzmäßigkeiten.

Nun hat in der Schweiz also der erste Gottesdienst für Menschen stattgefunden, die um ein Haustier trauern. Wurde das nicht belächelt oder kritisiert?
Michael Schaar: Im Gegenteil! Auf unsere Ankündigung hin bekamen wir eine Fülle von Dankesmails, dass wir das Thema aufgreifen – selbst das Tierspital Zürich bedankte sich. Und die Paulus-Akademie in Zürich wird sich gemeinsam mit dem Bestattungsamt Zürich in einer Veranstaltung im April dem Thema nochmals vertieft annehmen. In unseren kirchlichen Kalender haben wir jedenfalls eine jährliche Feier eingeschrieben, die für trauernde Tierhaltende bestimmt ist. Zudem wollen wir versuchen, eine spezielle Trauergruppe für Menschen aufzubauen, die um ein Haustier trauern.

Frau Schmitt, Sie wollen mit Ihrer Dissertation ein Bewusstsein für Trauer um Haustiere schaffen. Inwiefern fehlt das unserer Gesellschaft?
Marion Schmitt: Ich habe das Gefühl, dass es generell an Verständnis für Trauernde fehlt – auch, wenn es um den Verlust eines Menschen geht. Es mangelt an Wissen darüber, wie ich mit Trauernden umgehen soll. Die Menschen haben den Bezug zum Tod und zur Trauer verloren, weil sie nur noch immer seltener damit in Kontakt kommen und das vielleicht auch gar nicht wollen. Das ist insofern gefährlich, als dass aus unterdrückter oder verdrängter Trauer psychische Störungen und Gefahren für die körperliche Gesundheit entstehen können.

 

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