Um in die Schweizergarde einzutreten, verliess Simon Bussinger seine Feuerwehrkollegen in Wallbach. Im Vatikan fand er gute Freunde bei den «Vigili del fuoco stato della citta del vaticano». | © zvg

Knochenarbeit und Freunde fürs Leben

Marie-Christine Andres Schürch, 18.6.20
  • Von Oktober 2017 bis November 2019 diente Simon Bussinger in der päpstlichen Schweizergarde.
  • Horizonte hatte den Wallbacher bereits vor seinem Eintritt in die Garde getroffen und berichtete auch von der Vereidigung in Rom.
  • Nun ist der 23-Jährige zurück und gab an einem Vortrag einen packenden Einblick in die älteste und kleinste Armee der Welt.

 

«…mit dem, was ich in zwei Jahren erlebt habe, könnte man Tage füllen – es fallen mir immer wieder Sachen ein, die ich Vater, Mutter und den Grosseltern noch nicht erzählt habe», unterbrach Simon Bussinger unvermittelt seine eigenen Ausführungen. Ein Satz, der seine Vortragsweise auf den Punkt bringt: Anschaulich, persönlich und mit einer guten Portion Schalk berichtete der ehemalige Schweizergardist aus Wallbach von seinen 26 Monaten im Dienst. Initiiert wurde der Vortrag von Bernhard Lindner von der Fachstelle Bildung und Propstei der Römisch-Katholischen Landeskirche, rund 70 Personen fanden sich dafür in der Wallbacher Kirche ein.

Stehen ist Knochenarbeit

Zu Beginn des Vortrags lud Simon Bussinger die Zuhörer ein, aufzustehen. «Und ab jetzt dürfen Sie sich während drei Stunden weder bewegen, noch herumschauen, nicht kratzen oder sprechen», teilte er dem Publikum scherzhaft mit. Die Botschaft dahinter war jedoch ernst gemeint: das vermeintlich passive Stehen der Garde ist harte Knochenarbeit. Während seiner Dienstzeit von Oktober 2017 bis November 2019 stand Simon Bussinger unzählige Stunden regungslos aber aufmerksam mit Uniform und Hellebarde an den Eingängen des Vatikan, bei Audienzen oder Gottesdiensten. «Sitzen kann man in der Nacht», bemerkte der ehemalige Gardist trocken. Um dann eine umso lebendigere Schilderung seiner Nachtwachen vor dem Schlafzimmer des Papstes hinterherzuschieben.

Dreimal klopfen

Vor seinem Hotelzimmer im Gästehaus Santa Marta stellte der Papst jeden Abend persönlich die Getränke und Guetzli für den diensthabenden Gardisten bereit. Manche Nacht verbrachte Simon Bussinger Tür an Tür mit dem Heiligen Vater: «Ich hörte ihn atmen, sich drehen, aufstehen, duschen und Zähne putzen.» Der Papst habe eine charmante Angewohnheit: Wenn er für den Tag bereit ist, geht er ein letztes Mal ins Badezimmer und rasiert sich. Danach klopft er mit dem Rasierer dreimal aufs Lavabo: das Zeichen für den Gardisten, dass er sich bereit machen kann.

Suchaktion im päpstlichen Schlafzimmer

Der Papst sei ihm immer interessiert und mit menschlichem Humor begegnet, sagt Simon Bussinger. Nachdem Franziskus einmal einen speziellen Feuerwehrhelm geschenkt bekommen hatte, fragte Simon Bussinger ihn, ob er diesen noch irgendwo habe, er sammle solche Helme. Daraufhin bat der Papst den Schweizergardisten in sein Schlafzimmer, wo die beiden eine Suchaktion starteten.

Echte Brüderlichkeit

Vor seiner Abreise hatte Simon Bussinger am meisten Mühe mit dem Abschied von den Kameraden bei der Feuerwehr und den Pontonieren. Doch auch in der Garde fand er Freunde fürs Leben: «Man erzählt ja viel von der Kameradschaft in der RS. Was ich in der Garde an Brüderlichkeit erlebt habe, hat dies noch einmal übertroffen.» Besonders gepflegt hat Simon Bussinger den Kontakt mit der Vatikanischen Feuerwehr: «Ich begleitete sie auf einem Nachtrundgang, danach luden sie mich auf ein Bier in ihre Kaserne ein. Das war der Anfang einer guten Freundschaft.»

Der Papst ist anders

Als Schweizergardist sei man sich bewusst, dass es einen Unterschied mache, ob man einen Staatschef oder den Papst beschütze: «Wenn jemand auf einen Präsidenten zurennt, zieht dieser sich zurück. Ganz anders der Papst: der läuft den Menschen entgegen.» Schwierigkeiten bereiten der Garde häufig auch Personen, die von Begeisterung übermannt zum Papst durchdringen wollen: «Zu grosse Freude kann ein Problem sein», sagt Simon Bussinger aus Erfahrung.

Acriter et fideliter

Seit über 500 Jahren versieht die Schweizergarde ihre Aufgaben getreu dem Motto «acriter et fideliter» – «tapfer und treu». Neben den offiziellen Anforderungen, die ein angehender Schweizergardist erfüllen muss, ist das Wichtigste die Motivation und der Wille, diesen Dienst zu erfüllen. Während Simon Bussingers Aufenthalt im Vatikan lag der Personalbestand der Garde deutlich unter dem Soll von 135 Mann. Der Dienstplan war entsprechend dicht und die Arbeit verlangte den Gardisten einiges ab. Und doch sagt Simon Bussinger mit Überzeugung: «Wir Schweizer sollten stolz darauf sein, als kleines Land einen so wichtigen Job zu erledigen.»

«Danke!»

Neben den Freundschaften bleiben Simon Bussinger unbezahlbare Erinnerungen. Der Besuch des halben Dorfs Wallbach bei seiner Vereidigung. Der Petersplatz mit 30’000 Menschen. Rom im Schnee. Der leere Petersdom bei Nacht. Und die Erfahrung, von nahen Menschen durch Hoch und Tiefs getragen zu werden: «Auch ich hatte Momente, in denen ich zweifelte», wandte sich Simon Bussinger zum Schluss des Vortrags an Familie und Freunde, «Ich konnte immer auf euch zählen.»

 

 

 

 

 

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