Die Kirche St. Johannes in Buchs wird heuer 50 Jahre alt. Nach zwei Sanierungen hat sie ihren ursprünglichen Charakter zurückerhalten. Ein ausdrucksstarkes Ensemble aus Beton, das wie angegossen ins Gelände passt. | © Werner Rolli

Wie Sand im Sonnenlicht

Sommerserie «Cooler Beton für heisse Tage» - Buchs

Marie-Christine Andres Schürch, 31.7.17

An heissen Sommertagen kann der Besuch in einer der schönsten Aargauer Betonkirchen für Architekturinteressierte zu einem richtig coolen Erlebnis werden. Horizonte machte die Probe aufs Exempel und liess sich ausgewählte Schmuckstücke vom leitenden Denkmalpfleger Reto Nussbaumer zeigen – in dieser Folge die Kirche St. Johannes in Buchs, die dieses Jahr 50 Jahre alt wird. Nach zwei Sanierungen hat sie ihren ursprünglichen Charakter zurückerhalten. Ein ausdrucksstarkes Ensemble aus Beton, das wie angegossen ins Gelände passt.

Stufe um Stufe steigt die Anlage, jeder Schritt führt weg aus dem Alltag. Es geht hinauf zum geschützten Vorplatz. Und dann hinein in den Kirchenraum mit seinem Geheimnis von Schatten und Licht. Man betritt den Bau an seiner niedrigsten Stelle. Links liegt die Werktagskapelle. Rechts liegt der Kirchenraum, durch den man in einem Bogen nach vorne zum Altar kommt. Über den Sitzbänken wird die Decke leicht höher, um dann über dem Altarraum nach oben weit offen zu stehen. Gleichzeitig senkt sich der Boden vom Eingangsbereich zum Altarraum hin leicht ab. «Hanns A. Brütsch hat das Spiel mit dem Licht beherrscht.», bemerkt Reto Nussbaumer anerkennend. Der Kunst- und Architekturhistoriker arbeitet als kantonaler Denkmalpfleger. Er erläutert: «Eigentlich könnte diese moderne Kirche viele grosse Fenster haben. Und doch sitzt man hier in der Bank und sieht nirgends nach Draussen. Ein bewusster Entscheid des Architekten.»

Lichtfuge

Dennoch ist es hell, nur eben nicht überall. Die Lichtführung beeindruckt. Lücken und Fugen im Beton sind so platziert, dass Licht auf den Altar und die Wand dahinter fällt. Dieser Teil des Raums ist als Mittelpunkt hell beschienen, während Eingangsbereich und Sitzbänke im Halbdunkel verschwinden. Den Innenraum der Kirche entwickelte der Architekt Hanns A. Brütsch zusammen mit dem Bildhauer Josef Rickenbacher, der Altar, Ambo, Tabernakel und Taufstein entwarf. Die Wandmalereien in der Kapelle stammen von Willy Helbling.

Billige Materialien

Reto Nussbaumer weist noch auf eine weitere Besonderheit hin: Die Buchser Kirche vereinigt lauter «billige» Materialien. Der dunkle Boden ist aus Bitumen gegossen, die Holzverkleidung im hinteren Teil besteht aus dunkel gebeiztem Weichholz, sägeroh und ungeschliffen. Der Rest ist Sichtbeton. Als die Kirche 1967 fertiggestellt war, gefiel der moderne Betonbau längst nicht allen Pfarreiangehörigen. Doch der Bau entsprach dem damaligen Zeitgeist, wie Reto Nussbaumer sagt: «Die Kirche ging aus einem Wettbewerb hervor. Doch die anderen eingereichten Projekte waren ähnlich. Ein Architekt, der in dieser Zeit etwas auf sich hielt, baute in Beton, sonst galt er als Ewiggestriger.»

Unter Denkmalschutz

Heute, 50 Jahre später, steht die Kirche unter eidgenössischem und kantonalem Denkmalschutz. Das Gebäudeensemble sei typologisch und mit seiner Materialwahl ein charakteristisches Zeugnis seiner Zeit. Es zeichne sich durch seinen künstlerischen Wert aus, der aus der engen Zusammenarbeit von Architekt Hanns A. Brütsch und dem Bildhauer Josef Rickenbacher resultiere, schreibt die Denkmalpflege Aargau.

Expressivster Bau im Aargau

Auf der Südseite der Kirche schweift Reto Nussbaumers Blick nach oben. Die Kirche schraubt sich empor, kaskadenartig steigt die Fassade an, bis hinauf zum Turm. Sechs Ebenen schimmern übereinander in der Sonne. Der Beton hat die Farbe von Sand. «Was die skulpturale Wirkung angeht, ist Buchs der expressivste Bau. Für mich der eindrücklichste Kirchenbau im Aargau.», sagt Reto Nussbaumer. Wohl war das Grundstück vor dem Bau nicht gänzlich flach. Jedoch ist der Grundriss so geschickt ins Gelände gepasst, dass sich Hügel und Kirchenanlage gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken.

Beton braucht Schutz

Der Denkmalpfleger streicht mit der Hand über das Betonprofil. Die Wand zeigt das Quermuster der Schalungsbretter, zwischen die der Beton gegossen wurde. Nichts deutet darauf hin, dass hier vor wenigen Jahren noch Risse den Blick auf rostige Eisenstäbe freigaben. In den fünfzig Jahren ihres Bestehens hat die Kirche bereits zwei Sanierungen erlebt. Schon Mitte der 80er-Jahre, 20 Jahre nach Fertigstellung, wurden grosse Fassadenschäden entdeckt. «Beton lässt schier alles zu – es muss aber richtig mit ihm umgegangen werden.», erklärt Reto Nussbaumer. Beim Bau der Buchser Kirche wusste man noch nicht so genau wie heute, auf was man beim Bauen mit Beton achten muss. So wurden die Armierungseisen nicht genügend mit Beton überdeckt und die Eisenstäbe im Innern begannen zu rosten. Weil Rost das Volumen des Eisenstabs vergrössert, entstand Druck, der den Beton absprengte.

Eine Gratwanderung

Während die Betonsanierung von 1988 die Wirkung des Baus empfindlich beeinträchtigt hatte, wurde bei der Aussenrestaurierung von 2014 bis 2015 das ursprüngliche Aussehen in aufwendiger Arbeit wiederhergestellt. Reto Nussbaumer und Peter Mayer begleiteten die Arbeiten von Seiten der Denkmalpflege. Eine solche Restaurierung könne ein Gratwanderung sein, weiss er: «Für uns Denkmalpfleger ist das Resultat gelungen, wenn alles möglichst aussieht wie im Urzustand. Manchen Leuten scheint dann aber, es sei gar nichts gemacht worden. Und das für so viel Geld.» Diese Gratwanderung ist bei der Buchser Kirche geglückt. Der wichtigste Effekt der abgeschlossenen Renovation sei ohnehin, dass die Kirche St. Johannes ihre ursprüngliche Wirkung wieder entfalten kann und nun einigen Jahrzehnten ohne Betonprobleme entgegenblickt.

 

Nachtrag: 50 Jahre Kirche Buchs

St. Johannes Buchs-Rohr feiert den runden Geburtstag von Pfarrei und Kirche seit Dezember 2016 mit einer Serie von Anlässen für alle Altersgruppen und Interessen. Die kommenden Anlässe sind: Am Freitag, 1. September 2017, findet um 19 Uhr die Vernissage der Jubiläumszeitschrift «50 Jahre Pfarrei Buchs» mit kurzem Diavortrag von Denkmalpfleger Reto Nussbaumer statt. Anschliessend Apéro. Am Sonntag, 3. September 2017, um 10 Uhr feiert Buchs-Rohr einen Festgottesdienst mit Weihbischof Denis Theurillat. Anschliessend Apéro, Mittagessen und gemütliches Beisammensein mit Kinderprogramm (Mittagessen mit Anmeldung). Infos unter www.pfarrei-buchs.ch

 

Nächste Folgen der Sommerserie:
Donnerstag, 3. August: St. Anton Wettingen (Teil 4)

Bisher erschienen:
Der doppelteilige Auftakt: Aarau, Peter und Paul; Ennetbaden, St. Michael
Suhr, Kirche Heilig Geist

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Die Lichtführung im Inneren der Kirche ist so gestaltet, dass Licht auf den Altar und die Wand dahinter fällt. | © Werner Rolli
Hell beschienener Altarraum
«Sitzt man hier in der Bank, sieht man nirgends nach Draussen. Ein bewusster Entscheid des Architekten.», erklärt der kantonale Denkmalpfleger Reto Nussbaumer. | © Werner Rolli
Woher kommt das Licht?
Den Innenraum der Kirche entwickelte der Architekt Hanns A. Brütsch zusammen mit dem Bildhauer Josef Rickenbacher. | © Werner Rolli
Werk von Josef Rickenbacher
Der Grundriss ist so geschickt ins Gelände gepasst, dass sich Hügel und Kirchenanlage gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken. | © Werner Rolli
Perfekt ins Gelände gebaut
Der Beton schimmert wie Sand im Sonnenlicht. | © Werner Rolli
Terrasse auf der Südseite
Eingangsbereich: Man betritt den Bau an seiner niedrigsten Stelle, links liegt die Werktagskapelle. | © Werner Rolli
Eingangsbereich
Die Werktagskapelle mit der Wandmalerei von Willy Helbling. Der dunkle Boden ist aus Bitumen gegossen, der Beton ist teilweise mit dunkel gebeiztem Weichholz, sägeroh und ungeschliffen, verkleidet. | © Werner Rolli
Werktagskapelle
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