18.05.2020

Aufarbeitung der Übergriffe ist für Opfer unbefriedigend

Von Christian Breitschmid

  • Die dunkle Vergangenheit des Kinderheims St. Benedikt Hermetschwil kam vor zwei Jahren ans Licht, als sich ein ehemaliges Opfer der fürsorgerischen Massnahmen zu Beginn der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit wandte.
  • Die heutige Leitung des «Sonderschulheims St. Benedikt – lernen und leben» setzte eine externe Untersuchungskommission ein, um die Geschehnisse in den Jahren von 1946 bis 2006 aufzuarbeiten.
  • Nur wenige der ehemaligen Opfer haben sich auf den Aufruf in den lokalen Medien gemeldet. Entsprechend dünn ist die Faktenlage und entsprechend enttäuscht sind die Betroffenen, die sich eine fundierte Aufarbeitung der Geschehnisse von damals gewünscht hätten.

 

 

Andreas Santoni macht aus seinem Herzen keine Mördergrube mehr. 2011 hatte er versucht, sich in seinem Auto, direkt vor dem Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil, in die Luft zu jagen. Die Gasflasche hatte er schon geöffnet, das Feuerzeug in der Hand, als ihn die Polizei in letzter Sekunde stoppte. Was er an diesem Ort durchgemacht hatte, all die körperlichen und seelischen Schmerzen, die er da erdulden musste, das war für ihn einfach alles zu viel geworden. Die Zeit kann nicht alle Wunden heilen. Aber die Zeit war 2018 reif, seine Geschichte zu erzählen.

Grosses mediales Echo

Dankbar nahmen die Medien Andreas Santonis Geschichte auf. «Vom Pfarrer missbraucht» war eine Schlagzeile, die für viele Leser, Zuschauer und Zuhörer auf allen Kanälen sorgte. Selbstverständlich hat auch Horizonte über diesen Fall berichtet. All dies führte dazu, dass die heutige Leitung des Sonderschulheimes «St. Benedikt – lernen und leben» eine externe Untersuchungskommission einsetzte, die die Aufgabe hatte, die unrühmliche Geschichte des Kinderheimes aufzuarbeiten. Dazu wurden weitere Zeitzeugen aufgerufen, sich bei der Kommission zu melden und ihre je eigenen Erlebnisse zu Protokoll zu geben. Der Aufruf in der Lokalpresse, der auch vom Radio und dem Regionalsender Tele M1 aufgenommen wurde, erzielte allerdings wenig Echo. Neben Andreas Santoni fanden sich nur fünf weitere Personen, die über ihre Erlebnisse im Kinderheim Hermetschwil Auskunft geben wollten.

Nur einer von ihnen bekräftigte die Aussagen von Andreas Santoni, dass der 1992 verstorbene Heimseelsorger und Pfarrer von Hermetschwil, Thomas Hardegger, sexuell übergriffig geworden sei. Urs Süss wohnte von 1981 bis 1983 im Kinderheim Hermetschwil. Die Übergriffe von Pfarrer Hardegger konnte er zwar abwehren, nicht aber die Vergewaltigungen und Quälereien durch ältere Burschen, denen er schutzlos ausgeliefert war. Er habe der Kommission davon erzählt, aber: «Was mich an der ganzen Geschichte besonders wütend macht, das ist, dass alles immer nur unter den Tisch gekehrt wird. Ich hatte damals schon das Thema Pfarrer Hardegger angesprochen, weil er im Religionsunterricht versucht hatte, mich unsittlich zu berühren. Dies wurde aber von der Heimleitung als <Lüge> oder <falsch aufgefasst> abgestempelt. Genauso, wie die Schläge oder Beschimpfungen mir gegenüber unter den Teppich gekehrt wurden. Diese zwei Jahre, die ich in diesem Heim verbringen musste, waren für mich die reinste Hölle.»

Nur eine Medienmitteilung

Die anderen vier Zeugen erzählten nichts von sexuellen Übergriffen, bestätigten dafür aber die psychischen und physischen Demütigungen, die sie zu ertragen hatten. «Wir konnten aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes unseren Bericht nicht veröffentlichen», sagt Historiker Bruno Meier, der zusammen mit Edith Lüscher, Geschäftsführerin des Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverbandes, und Rechtsanwalt Hanspeter Thür die Untersuchungskommission bildete. Doch gerade diese Diskretion ist es, die Andreas Santoni und Urs Süss anprangern, denn sie wollen, dass die Allgemeinheit weiss, was hinter den Mauern des Kinderheims abgelaufen ist.

Ihre Geschichten zu erzählen, hat sie grosse Überwindung gekostet. Das gilt auch für die Frau, die ihre Erlebnisse im Kinderheim St. Benedikt unter dem Pseudonym «Rosa» der Aargauer Zeitung erzählt hat. Die drakonischen Strafen, mit denen die Benediktiner-Schwestern aus dem Kloster Melchtal ihre weiblichen Zöglinge züchtigten, wird sie nie vergessen können. Ebenso die sexuellen Übergriffe durch die Männer, welche die Schwestern nachts in den Mädchenschlafsaal einliessen. «Die haben sich dann einfach die Mädchen ausgesucht, die ihnen gefallen haben. Aber auch in den Zimmern der Klosterfrauen gingen die ein und aus», berichtete «Rosa» auf Nachfrage von Horizonte. Der Untersuchungskommission habe sie ihre Geschichte aber nicht erzählt, denn «das ändert ja doch nichts mehr. Ich will das endlich hinter mir lassen.» So wurde denn am 12. März dieses Jahres von den Verantwortlichen des Kinderheims St. Benedikt und des Klosters Muri-Gries die Medieninformation herausgegeben, wie sie auf der Nachrichtenseite von www.horizonte-aargau.ch am selben Tag veröffentlicht wurde.

«Man ist die Sache falsch angegangen»

«Was Pia Iff und Regula Jäggi gemacht haben, ist sehr lobenswert», sagt Andreas Santoni in Bezug auf die Bemühungen, welche die Leiterin des Kinderheims und die Präsidentin des Trägervereins St. Benedikt unternommen haben, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. «Aber man ist die Sache falsch angegangen. Man hätte alle Ehemaligen anschreiben müssen und den Aufruf nicht nur in den lokalen Medien lancieren dürfen.» Zu diesem Vorwurf sagt Bruno Meier: «Sämtliche ehemaligen Heiminsassen ausfindig zu machen war nicht unser Auftrag, das wäre auch kaum mehr möglich, und der Aufwand wäre riesig gewesen. Das Kinderheim hat den Aufruf publiziert und alle, die sich gemeldet haben, wurden zu einem persönlichen Gespräch eingeladen. Wir haben die Gespräche protokolliert und dann versucht, in Gesprächen mit noch lebenden Heimangestellten von damals, dem Umfeld des Heims und in den Archiven des Kinderheims Bestätigungen für die erzählten Vorfälle zu finden.»

Das Ergebnis ihrer Nachforschungen hat auch die Kommissionsmitglieder enttäuscht. In den Akten des Kinderheims stehe nichts von den erwähnten Vorfällen in den Jahren von 1946 bis 2006, sagt Bruno Meier. «Dass im Kanton Obwalden 1970 eine Untersuchung gegen Thomas Hardegger stattgefunden hat wegen des Verdachts auf pädophile Handlungen, das wissen wir heute. Aber der damalige Abt des Klosters Muri-Gries, Dominikus Löpfe, hat seine schützende Hand über seinen Mitbruder gehalten. In den Klosterakten ist nichts davon vermerkt. Man hat die Sache so geregelt, wie man es früher oft getan hat – und zum Teil bis heute noch tut –, man hat ihm zuerst andere Aufgaben zugewiesen und ihn später an einen anderen Ort versetzt.»

Abt Beda Szukics will nichts gewusst haben

Auf die Frage, ob er wirklich nichts vom Fall Hardegger gewusst habe, als er zusammen mit Andreas Santoni und der Heimleitung von St. Benedikt im Juli 2018 vor die Medien trat, sagt der heutige Abt von Muri-Gries, Beda Szukics: «Erst als ich von diesen Vorwürfen erfahren habe, habe ich bei meinen Mitbrüdern nachgefragt. Ich habe auch in den Klosterakten nachgesehen. Dort fand ich gar nichts, auch keinen Hinweis auf die Untersuchungen in Sarnen.» Diese wurden damals eingestellt, zu einer Anklage kam es nie. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sind die Akten beim Kanton Obwalden unter Verschluss.

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